The Last Of Us Part II


„May your life be long, may your death be swift“

Große Erfolge führen nicht nur zu höheren Erwartungen, sondern im richtigen Umfeld zu neuen Chancen. Nachdem Naugthy Dog mit Uncharted stets ablieferte, rückten die verdienten Freiheiten in den Mittelpunkt – unabhängig von den Wünschen der Spielergemeinschaft. The Last of Us Part II ist somit nicht nur offensichtlich ambitioniert im Ausreizen der Grenzen eines Triple A-Blockbusters, sondern eine Geschichte um falsche Prioritäten, ausartende Besessenheit und vor allem fehlende Empathie. Mehr Zeitgeist geht nicht: Das fast erwartete Review Bombing unterstreicht herrlich verdreht die Botschaften des Spiels noch einmal.

 

Vorweggenommen kann werden, dass die Handlung für KennerInnen von Part I nach wenigen Stunden kaum mehr Überraschungen bietet, ohnehin ist aber der Weg und somit die Entwicklung der Charaktere innerhalb des Revenge-Plots von Relevanz. Lässt man sich darauf ein, offenbart Ellie willkommene Komplexität, die in den Ereignissen sowie Interaktionen aus dem Vorgänger einen nahrhaften Boden vorfindet und durch Handlungen in der Gegenwart sowie Flashbacks gefestigt wird. Nach knappen zehn Stunden einer wahrhaften Tour de Force scheint die süße Rache greifbar nah und dann …

… folgt der Hauptgrund für die zahlreiche Verrisse von SpielerInnen: Das Spiel entschleunigt massiv und startet quasi bei null – aus der Perspektive von Antagonistin Abby. Keine Frage: Man fühlt sich wie vor den Kopf gestoßen, ist irritiert und will mit ihrer „Töten oder getötet werden“-Miliz nichts zu tun haben. Die Zeit mit ihr offenbart aber im Kern keinen eindimensionalen Bösewicht, sondern einfach nur einen Menschen, der Ellie – trotz zweifelhafter Taten bis hierhin stets Sympathieträgerin – überraschend ähnlich ist. Wie eine gute Sozialstudie legt das Spiel so Stück für Stück das Problem der Welt von The Last of Us offen: Jede oder jeder ist sich selbst die oder der Nächste, Schwarz-Weiß-Denken bestimmt die Entscheidungen und ein Licht am Ende des Tunnels ist nicht sichtbar, da die Vergangenheit nicht zu Grabe getragen wird – traurige Realität auch außerhalb der Spielewelt.

 

Seine große Wirkung entfaltet der Perspektivenwechsel erst, wenn Ellie wieder in den Mittelpunkt rückt. Nicht nur die Perspektive hat sich geändert, sondern auch die Rolle. Abby konnte das Thema Rache – ehrlicherweise etwas vorschnell – nach dem vermeintlichen Showdown zu den Akten legen, Ellie hingegen schlüpft erst in die Rolle der neuen Antagonistin. Quasi als Natur- und Sozialgewalt – gleichermaßen Produkt der sozialen und natürlichen Umwelt – ist sie Abby, wie man diese anfangs kennengelernt hat. Der Kreislauf aus Hass ist neu entflammt, findet kurz vor der Zielgerade aber doch einen positiven Ausklang dank der echten Helden und Heldinnen: Die AussteigerInnen wie Dina oder Owen, die an ein Leben außerhalb vom Status quo glauben, Mitmenschen wie Lev, die neue Perspektiven offenbaren, oder auch geliebte Personen aus der Vergangenheit wie Joel, die trotz ihrer Fehler auch Gutes gelehrt und vorgelebt haben. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen, so ist die Auflösung nicht nur schlüssig, sondern die natürliche Kulmination des knapp 20-stündigen Abenteuers.

 

Hinter der Geschichte, die wohl auch politische Interpretationen zulässt, verbirgt sich natürlich auch ein Videospiel, das in seiner Umsetzung genau dem entspricht, was von Naughty Dog zu erwarten ist: Feinstes Stealth- und Action-Gameplay, fließend eingebundene, cineastische Highlights, die sowohl emotional als auch spannungstechnisch dank der Klänge von Gustavo Santaolalla enorm immersiv wirken, und eine der Handlung dienlichen Inszenierung. Diese zieht alle Register, um die Schrecken der postapokalyptischen Welt spürbar zu vermitteln und dürfte mit das härteste und intensivste Material sein, das eine Spielekonsole bislang auf einen Bildschirm übertragen durfte. Sieht das Spiel großteils wie ein Uncharted aus, driftet es wenn nötig auch in düstere Horror-Bildsprache bis hin zu purem Wahnsinn ab, der in manchen Settings an Apocalypse Now oder, um bei Videospielen zu bleiben, an die dunkelsten Stunden aus Metal Gear Solid V erinnert. Müsste ich The Last of Us Part II grundsätzlich mit einem anderen Spiel vergleichen, wäre es wohl Hideo Kojima‘s Last Hurrah für Konami aufgrund der Genre- und Zugangsverwandtschaft, auch wenn Naughty Dog das geschliffenere Paket abliefert.

Fazit

In der öffentlichen Debatte entstand der Eindruck, dass KritikerInnen das Spiel lieben und SpielerInnen es hassen. Klammert man kindisches Review Bombing mit abstrusen Begründungen aus, kommt ein realistisches Bild zum Vorschein: The Last of Us Part II biete einen klassischen Revenge-Plot, verleiht ihm aber mit einigen gewagten Entscheidungen deutlich mehr Substanz und eine gleichermaßen zeitlose wie brandaktuelle Botschaft. Dazu gesellen sich feinst poliertes Gameplay, eine grafische Präsentation am Gipfel der aktuellen Generation sowie eine unerreicht cineastische Inszenierung. Einige externe Faktoren – Crunch Time bei Naughty Dog oder irreführendes Marketing – können oder müssen gar kritisiert werden, das Endprodukt liefert aber einmal mehr und besonders eindrücklich den Beweis, dass Videospiele mehr als befriedigender Eskapismus sein können, sondern längst zu anderen Kunstformen aufgeschlossen haben.


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