Mass Effect 2


„Commander Shepard: Action- and RPG-Expert“

Im Jahr 2007 kreierte der kanadische Entwickler BioWare mit „Mass Effect“ nicht nur ein herausragendes Rollenspiel, sondern auch ein komplettes Universum mit Potenzial für weitere Fortsetzungen. Da das Ganze bereits als Trilogie konzipiert war, hatte die Spielergemeinschaft auch Gewissheit, dass ein „Mass Effect 2“ früher oder später folgen würde. Nach einem kurzen Abstecher ins Lager der Handhelden („Sonic Chronicles: The Dark Brotherhood“) und einer erfolgreichen Rückkehr zu den Wurzeln („Dragon Age: Origins“) erblickte das zweite Kapitel des Sci-Fi-Epos schlussendlich im Jahr 2010 das Licht der Welt.

 

Nach dem Triumph über Saren und die Sovereign wird die Menschheit weiter von den Reaper bedroht, der Rat der Citadel nimmt die Gefahr allerdings nicht ernst und bringt auch die Crew der Normandy um Commander Shepherd zum Schweigen, indem diese auf relativ unbedeutende Missionen geschickt wird. Eines Tages aber wird die Normandy von den mysteriösen Kollektoren angegriffen und zerstört – mit ihr verschwindet auch Shepard. Zwei Jahre später wird Shepard von Cerberus, einer dubiosen, paramilitärischen Gruppierung, wieder in den aktiven Dienst zurückgeholt. Der Unbekannte, Leiter von Cerberus, sieht in Shepard aber nicht nur einen Soldaten, sondern ein Symbol für die Stärke der Menschheit. Trotz Bedenken bezüglich Cerberus beginnt Shepard mit der Rekrutierung einer neuen Mannschaft, um für den Kampf gegen die Kollektoren vorbereitet zu sein und den Reaper einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Die Handlung von „Mass Effect 2“ beginnt, wie man es vielleicht aufgrund der kurzen Inhaltsangabe erahnen kann, mit einem großen Knall und endet, so viel darf schon mal vorweggenommen werden, mit einem noch größeren Knall, der das Warten auf den Abschluss der Trilogie beinahe unerträglich macht. Unzählige Quests sind davor aber zu absolvieren, die in Teil eins gestartete Handlung epischen Ausmaßes gilt es vorangetrieben, Planeten und Charaktere wollen gefunden sowie erforscht werden und viele Schlachten sind zu schlagen. Im Vergleich zum ohnehin nicht gerade kurzen Vorgänger hat sich der Umfang an Spielinhalten knapp verdoppelt, so wird man, sofern nicht nur eine Hauptmission nach der anderen erledigt, mindestens um die 30 Stunden in der Haut von Commander Shepard verbringen. Dies tut man auch wegen der gelungenen Präsentation gerne, so zeigt sich die Grafik in neuem Glanz, Zwischensequenzen spielen eine größere Rolle als im Vorgänger und der Soundtrack ist passend und hörenswert wie eh und je.

 

Trotz des Erfolgs des Erstlings hat sich in „Mass Effect 2“ überraschend viel getan, gleich bleiben sollte aber der bereits im Vorgänger erstellte Hauptcharakter, der ins Spiel importiert werden kann, damit getroffene Entscheidungen wieder Auswirkungen auf die Handlung – in weiterer Folge dann auch auf das abschließenden „Mass Effect 3“ – haben. Diese Entscheidungen sind nämlich weiterhin gewissermaßen das Salz in der Suppe und sorgen dafür, dass man mit seinem Commander für den Verlauf des Abenteuers zuständig ist. Die vorher angeschnittenen Neuerungen lassen sich eigentlich ganz gut in einem Satz zusammenfassen, denn während „Mass Effect“ ein Rollenspiel mit Actionelementen war, ist „Mass Effect 2“ eher ein Hybrid aus Rollenspiel und 3rd-Person-Shooter mit überraschend starkem Hang zur letztgenannten Gattung.

 

Diese Konzentration auf den 3rd-Person-Shooter-Aspekt ging auf Kosten einiger Elemente, die noch im Vorgänger für die Tiefe im Gameplay mitverantwortlich waren. Zu den wichtigsten Kürzungen zählen die ersatzlose Streichung der Mako-Erkundungstouren sowie die extreme Vereinfachung des Auflevelns und Verteilens von Waffen, Ausrüstungen und Fähigkeiten. Als SpielerIn kann man die Figuren zwar doch nach persönlichen Vorlieben gestalten, wirklich in die Tiefe kann man aber nicht gehen. Die Neuerungen in „Mass Effect 2“ haben aber auch gute Seiten, so fühlt sich das Spiel straffer und kurzweiliger an, was auch am exzellenten Gameplay in den zahlreichen Actionsequenzen liegt. Dieses braucht sich nämlich vor keinem puren 3rd-Person-Shooter zu verstecken und bietet alles, was heutzutage Standard ist, wie Nahkampfangriffe, ein durchdachtes Deckungssystem sowie ein überarbeitetes Kommandosystem für die zwei stetigen BegleiterInnen von Shepard. Ob sich die Opfer gelohnt haben, muss man für sich entscheiden, die einen werden wohl das gemächliche und fordernde Gameplay von „Mass Effect“ bevorzugen, manche das rasantere und actionreichere von „Mass Effect 2“. Ich denke, man hätte durchaus einen Mittelweg finden können, der alle zufrieden gestellt hätte.

 

Obwohl die Action in der Fortsetzung stärker im Vordergrund steht, ist und bleibt das Spiel ein Rollenspiel, welches von den Charakteren und vor allem den Dialogen lebt. Durch die Dialoge entfaltet das Universum von „Mass Effect“ erst seine Faszination und durch durchgehend zu treffende Entscheidungen beeinflussen SpielerInnen maßgeblich das Abenteuer des virtuellen Commanders. Sehr gelungen ist ebenfalls die Interaktion mit der Crew der Normandy, die im Vergleich zum Vorgänger auf zwölf Gefährten verdoppelt wurde, wodurch man sich aufgrund der Vielzahl an einzigartigen Charakteren ein wenig wie Captain Kirk auf der Enterprise fühlt. Wie bereits im Vorgänger können mit der Crew Romanzen eingegangen werden. Neu hingegen ist das Loyalitätssystem, so offenbaren einem Crewmitglieder nach der Zeit persönliche Probleme und wenn man sich um diese kümmert, wird das jeweilige Mitglied loyal(er). Als Belohnung gibt es nicht nur fade Outfits, sondern auch neue Spezialfähigkeiten. Die Loyalität kann im Laufe des Spiels aber durch getroffene Entscheidungen wieder verloren gehen, so kann man nicht nur nach eigenem Empfinden entscheiden, sondern muss die Crew mit einbeziehen – ein basisdemokratisches Grundverständnis ist von Vorteil.

Fazit

„Mass Effect 2“ macht durchaus einen Schritt Richtung Mainstream, indem das Gameplay vereinfacht wurde und das Handling von einem lupenreinen 3rd-Person-Shooter sein könnte. Ob diese Umorientierung nun gut oder schlecht ist, muss man für sich entscheiden, gelungen ist „Mass Effect 2“ aber auf jeden Fall, denn die Kernelemente der Reihe – die mitreißende Geschichte, die vielen Dialog- und Entscheidungsmöglichkeiten sowie die interessanten Charaktere – sind weiterhin vorhanden und fesseln von der ersten bis zur letzten Sekunde. BioWare ist trotz einer etwas anderen Herangehensweise wieder ein Meisterwerk gelungen, das Lust auf das große Finale der Trilogie macht.


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