Mass Effect


„Forget Star Trek and Star Wars“

Das kanadische Entwicklerstudio BioWare – 1995 gegründet – konnte schnell Fuß fassen auf dem Videospielmarkt aufgrund einer erfolgreichen Fokussierung auf Rollenspiele – zuerst für PC, später auch für Konsolen. Nach den relativ klassischen „Baldur’s Gate“ und „Neverwinter Nights“ wagte man 2003 den großen Sprung in den Weltraum mit „Star Wars: Knights Of The Old Republic“. Der gelungene und erfolgreiche Ausflug in das „Star Wars“ -Universum sollte allerdings nur ein Vorgeschmack sein auf das hausgemachtes Weltraumepos, welches bereits 2005 angekündigt und schlussendlich im Jahr 2007 als „Mass Effect“ das Licht der Welt erblickte – zu Beginn exklusiv für XBox 360.

 

Im Jahr 2183 befindet sich die SSV Normandy auf dem Weg zur menschlichen Kolonie auf Eden Prime, um ein mysteriöses Artefakt der ausgestorbenen Rasse der Protheaner zu bergen. Mit an Bord befindet sich Commander Shepard, der vom Spectre Nihlus beobachtet und bewertet werden soll, um ebenfalls Mitglied der „Special Tactics and Reconnaissance“-Abteilung zu werden. Dabei handelt es sich um ein Organ des Rates der Citadel, der Regierung der verbündeten Völker der Galaxie. Shepard wäre als erster menschliche Spectre eine große Chance für die Menschheit, sich zu beweisen, denn als relativ junge Rasse mangelt es ihr an Ansehen und Macht. Die Mission auf Eden Prime gerät allerdings aus den Fugen, Saren, ein weiterer Spectre, der den Rat verraten hat, ermordet Nihlus und plant die mysteriösen Reaper, die einst die Protheaner ausrotteten, aus ihrem Schlaf zu erwecken. Für Shepard, der trotz der missglückten Mission zum Spectre ernannt wird, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um Saren aufzuhalten und eine mögliche Katastrophe doch noch abzuwenden.

Dabei handelt es sich lediglich um den Hauptplot des Spiels, denn es gibt viel mehr zu entdecken, nämlich den geschichtlichen Hintergrund der Galaxie samt ihrer Spezies. SpielerInnen werden allerdings nie mit Wissen überfordert, sondern im Laufe der Handlung stets häppchenweise damit gefüttert, so dass man stets im Bilde über die Hintergründe ist und bis zum Ende des Spiels ein beachtliches Wissen über sämtliche Spezies, Technologien, Ereignisse oder Organisationen anhäuft. „Mass Effect“ driftet dabei aber nie ins Unglaubwürdige ab, sondern verpackt brisante Themen wie Kolonialisierung, Rassismus oder Vigilantismus in ein Science Fiction-Gewand, was ja schon bei Klassikern wie „Star Trek“ oder „Star Wars“ wunderbar funktionierte, von denen man sich sichtlich inspirieren ließ.

 

Wie so viele Rollenspiele beginnt auch „Mass Effect“ mit der Erschaffung der Hauptfigur – vorgegeben ist dabei lediglich die Rasse und der Nachnahme. Weiteres, wie das Geschlecht, der Vorname, das Aussehen, die Vorgeschichte, das psychologische Profil und die Klasse, bleibt hingegen den SpielerInnen überlassen. Bereits diese Entscheidungen haben Auswirkungen auf den weiteren Verlauf, so bieten sich unterschiedliche Möglichkeiten je nach Vorgeschichte und psychologisches Profil. RollenspielveteranInnen wissen außerdem darüber Bescheid, dass die Wahl der Klasse entscheidend bei der Spezialisierung des Charakters auf Kampf, Tech oder Biotik – quasi Telekinese – und der Verfügbarkeit seiner Talente ist.

 

Ist Shepard erst einmal fertiggestellt, offenbart das Spiel auf Anhieb seine Qualitäten. Nicht nur entführt „Mass Effect“ auf Anhieb in diese faszinierend fremde und doch so greifbar vertraute Welt, sondern überlässt SpielerInnen auch noch gewisse Freiheiten bei der Rettung der Galaxie. Während des Abenteuers können bereits kleinste Entscheidungen später zu zum Teil fatale Auswirkungen führen, wodurch das motivierende Gefühl entsteht, die Zügel in der Hand zu halten und am Steuer der eigenen Geschichte zu sein. Mit kleinste Entscheidungen sind auch Dialoge gemeint, allgemein das Prunkstück des Spiels. Durch die Wahl der Dialoge und dem gelungenen und nicht zu simpel gestrickten Moralsystem sorgt man für die charakterliche Entwicklung von Shepard, was vor allem sehr spannend bei der Interaktion mit der Crew der SSV Normandy zu beobachten ist – auch Romanzen sind möglich und sorgen für das gewisse Etwas.

 

Eine ähnliche zentrale Rolle wie die Dialoge spielt das Erkunden in „Mass Effect“, denn würde man sich lediglich blind auf die Hauptstory konzentrieren, würde man über die Hälfte des Spieleinhalts verpassen. Somit gibt es neben der recht langen und sehr abwechslungsreichen Hauptkampagne eine Menge zu erledigen: Seien es kleinere Aufgaben zu absolvieren, fremde Planeten zu erkunden oder Crewmitglieder bei persönlichen Angelegenheiten zu unterstützen. Einziger Wermutstropfen ist, dass nach Beendigung der Hauptkampagne nicht weitergespielt werden kann, also muss alles vorher erledigt werden. Dabei fühlt sich aber kein Abstecher so an als würde man komplett den roten Faden verlassen, da steht relevante Belohnungen warten. Sei es durch Hintergrundinformationen, Materialien, die für Upgrades benutzt werden können, Geld, welches in Waffen oder Ausrüstung, die auch selbst gefunden oder verdient werden können, investiert werden kann oder natürlich mit Erfahrungspunkte – das A und O eines jeden Rollenspiels.

 

Diese sind auch entscheidend, wenn es bei der Action zur Sache geht. Obwohl das Ganze dann wie ein reiner 3rd-Person-Shooter aussieht und sich großteils auch so anfühlt, kann es sehr schnell brenzlig werden, wenn man sich nicht auf die Rollenspielregeln einlässt. Um gefordert, aber nicht überfordert zu werden, gilt es daher, stets die Erfahrungspunkte je nach Spielweise intelligent zu verteilen sowie ein Auge auf die Waffen und Ausrüstungen zu haben. Vor jeder Mission kann man zwei Crewmitglieder auswählen, die Shepard dann begleiten. Diese haben ihrerseits auch Stärken und Schwächen, so sollte die Wahl aus der sechsköpfigen Crew gut durchdacht sein. Die Schlachten an sich gestalten sich dann abwechslungsreich, so warten nicht nur genügend Gegnerarten auf ihr Ableben, sondern weisen diese auch eigene Vorgehensweise auf, was variantenreiche Schlachten garantiert.

 

Bei den Waffen gibt es Pistolen, Sturmgewehre, Scharfschützengewehre und Schrottflinten, die aber nicht über Munition verfügen, sondern nach einer Zeit überhitzen, wodurch die richtige Taktik aus Angriff und Verteidigung gefunden werden muss. Dazu gibt es Granaten und Spezialfähigkeiten, etwa die erwähnte Biotik oder einen Konzentrationsschub, bei dem die Genauigkeit steigt, die sich nach Gebrauch stets wieder aufladen müssen. Eine dieser Fähigkeiten kann auf eine Taste gelegt werden, für den Einsatz einer andere Fähigkeit wird auf Knopfdruck das Spiel pausiert sowie die Fähigkeit und das Ziel des eventuellen Angriff gewählt., die ausgeführt wird, sobald dieses Menü beendet wird. Wer trotz dieser vielen Möglichkeiten noch unterbeschäftigt ist, kann ebenfalls die Spezialfähigkeiten seiner ausgewählten Crewmitglieder koordinieren, ihnen allgemeine Anweisungen wie Angriff oder Verteidigung geben sowie mit Medikits hantieren. Shepard ist allerdings nicht nur zu Fuß unterwegs, sondern auch oft in einem Mako genannten Fahrzeug. Dieses sorgt auf der einen Seite für Abwechslung, das Fahrverhalten ist auf der anderen Seite aber nicht einwandfrei gelungen, erfüllt aber alles in allem trotz kleinerer Macken seinen Zweck.

 

Spielerisch warten rund 15 bis 30 Stunden Spielzeit, abhängig davon, wie viele Nebenmissionen man macht und allgemein am Erkunden interessiert ist. Dazu gesellen sich bei Interesse die zum Herunterladen verfügbaren Inhalte „Bring Down The Sky“ und „Pinnacle Station“, wodurch es in „Mass Effect“ genug zu erleben gibt. Von der technischen Seite braucht sich das Spiel auch nicht zu verstecken, obwohl es bereits knapp etliche Jahre auf dem Buckel hat. Abgesehen von seltenen Rucklern und vereinzelten sich spät aufbauenden Texturen kann die Grafik überzeugen. Vor allem die Detailverliebtheit und der hohe Grad an Abwechslungsreichtum bei der Gestaltung der zahlreichen Planeten, Raumschiffe und Städte verblüfft wahrlich und trägt damit entscheidend bei, den SpielerInnen in die Welt von „Mass Effect“ zu fangen. Zum wiederholten Male auf die gleichen Räumlichkeiten trifft man lediglich bei einigen wenigen Nebenmissionen, was als kleinerer Kritikpunkt nicht wirklich ins Gewicht fällt. Abgerundet wird die Präsentation von einem ausgezeichneten Soundtrack, der stets der Science Fiction-Thematik gerecht werden kann und darüber hinaus die Stimmung der jeweiligen Situation einwandfrei zu unterstreichen weiß.

Fazit

„Mass Effect“, das Weltraumepos von Rollenspielspezialist BioWare („Dragon Age: Origins“, „Star Wars: Knights Of The Old Republic“), ist eine lupenreine Genre-Perle mit Action-Elementen. Auf der einen Seite wartet also eine faszinierende Welt voller Überraschung, eine mitreißende Handlung, auf die entscheidend Einfluss genommen werden kann und ein raffiniertes Dialogsystem. Auf der anderen Seite bietet das Spiel actiongeladene Auseinandersetzung mit ausgezeichnetem Handling, die sich vor allem als interessant erweisen, da man ohne Taktik nicht wirklich weit kommt. Für mich schlicht und einfach ein Pflichttitel, der SciFi-Fans nicht mehr loslässt, sobald man den ersten Fuß in die SSV Normandy gesetzt hat.


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