Doctor Who: Series 9


„A Series of Ambitious Events“

Der zwölfte Doctor ist gekommen, um zu bleiben. Hatte die Debütstaffel noch versucht, wieder eine gewisse Routine reinzubringen, bestreitet Steven Moffat mit Series 9 seine ambitionierteste Phase als Show-Runner.

 

  • Peter Capaldi hat spätestens in Series 9 seinen Doctor definiert und glänzt ensprechend mit Nuancen sowie bislang unerreichten Höhen und Tiefen – als Höhepunkt sei die One-Man-Show in Heaven Sent gennant.
  • Ausnahmsweise hält keine Mystery Box die Staffel zusammen, sondern die Themen Tod, Verlust und Bewältigung geben einen Rahmen vor, der zu substanzielleren Plots und Charakterentwicklung verleitet.
  • Die Themen sind schwieriger und brauchen entsprechend mehr Platz zum Atmen. Die Lösung: Die Hälfte der Geschichten sind Zweiteiler, was auch ausnahmslos notwendig ist.

Series 9 bietet insgesamt 10 Geschichten, die nahezu ohne Aussetzer ambitionierte Sci-Fi-Kost bieten. Aber keine Angst, denn auch wenn die Staffel bislang etwas ernster klingt, bleiben Grundtugenden wie ein hoher Unterhaltungswert oder Herz nicht auf der Strecke. Wie üblich gibt es Eindrücke samt Spoiler zu allen Geschichten sowie ein Sternchen (*) für meine Top 3-Folgen.


Last Christmas

Das Weihnachtsspecial 2014 ist quasi der Epilog zur achten Staffel: Der Plot dreht sich um Traumwelten, greift somit aber auch das durch Lügen angeschlagene Verhältnis des Doctors zu Clara auf – allerdings ist alles zu schnell wieder gut. Ein Highlight ist die Darstellung von Claras Trauerbewältigung, die auch am Ende der Folge nicht abgeschlossen ist, aber in einem emotionalen Monolog einen ordentlichen Schritt nach vorne macht. Rund um das emotionale Fundament gibt es eine solide Monster-Folge mit guten Twists – eventuell mit einem „war nur ein Traum“-Twist zu viel – sowie starkem Support. Nick Frost als Santa Claus ist perfekt gecastet und darf als Witze-Maschine glänzen. Der Plot baut zum Ende hin etwas ab und der Ausklang ist in die Länge gezogen, hat davor aber einige smarte Momente und bleibt auch dank der coolen Monster-Designs positiv in Erinnerung. Fast wie ein guter Weihnachtshit: Kein Meilenstein, aber vereinzelt doch willkommen.


3. Under The Lake / 4. Before The Flood

Gleich der nächste Zweiteiler und wieder ein sehr gelungenes Abenteuer, das in der ersten Folge ruhige sowie gute Vorarbeit leistet – der Mystery-Fall, das Setting sowie die sympathische Crew werden gekonnt eingeführt – und in einem starken Cliffhanger mündet. Teil zwei hat dann abzuliefern und tut dies auch mit einem coolen Ansatz samt wiederholter Zeitreisen, was überraschend selten gemacht wird. Der Bösewicht kann nicht zu sehr scheinen, hat aber Potenzial für zukünftige Auftritte. Alles in allem ein runder Mystery-Fall mit nettem Twist um das „Bootstrap Paradoxon“, wofür die „fourth wall“ zu Beginn von Teil zwei gebrochen wird und was zum Mitraten animiert. Zudem macht Clara in ihrem Versuch, wie der Doctor zu sein, große und beängstigende Fortschritte und die Entlarvung der Doppelmoral des Doctors ist auch ein netter Touch.


6. The Woman Who Lived

Gleich die nächste schwierig zu beurteilende Folge: Es passiert relativ wenig, die Chemie zwischen Capaldi und Maisie Williams ist in der (fast) Clara-losen Folge nicht so gut, um die Folge zu tragen, und der Plot ist dünn – on top ist das Ende auch enttäuschend. Auf der positiven Seite wiederum ist die Behandlung der Schattenseiten von Unsterblichkeit gelungen, wenn auch nicht neu im Whoniverse. Der Doctor selbst wird oft damit konfrontiert und mit Captain Jack Harkness gab es bereits einen Charakter wie Lady Me, der deutlich mehr Zeit zur Entfaltung hatte – allen voran im Spin-off Torchwood. Alles in allem wird man der Thematik gerecht und mit seinem letzten Blick transportiert Peter Capaldi so herausragend das Innenleben des Doctors, dass sich die Folge alleine deshalb lohnt.


9. Sleep No More

Natürlich musste auch Doctor Who auf den „Found Footage“-Zug aufspringen, was nicht per se schlecht sein muss. Schlecht ist viel mehr die uninspirierte Monster-Story mit vermeintlich cleverem Ende, das denn Doctor alles andere als gut aussteigen lässt, der austauschbare Cast sowie fehlende interessante Aspekte. Irgendwo lagen dem Script ganz gute Ideen zugrunde – die Kritik am Neoliberalismus bzw. Turbokapitalismus ist immer willkommen und der smarte Einbau des „Found Footage“ in die Story hätten Potenzial. In der Umsetzung konnte die Folge aber nicht mehr viel rausholen – die Inszenierung hat mich zumindest kurz an „Alien“ erinnert. Ansonsten bestenfalls Filler-Material.


11. Heaven Sent / 12. Hell Bent*

Series 9 hatte bereits mit einem Knall begonnen, der sich wie ein Showdown anfühlte, aber das tatsächliche Serienfinale kann das recht locker überbieten – mit zwei Hälften, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Heaven Sent setzt direkt nach Claras Tod an und übersetzt die introspektive Auseinandersetzung des Doctors mit dem Verlust sehr einfallsreich und mittels smartem High Concept-Zugang um. Mindestens zwei grandiose Twists – einer davon führt direkt zu Hell Bent – und eine herausragende One-Man-Show von Peter Capaldi sorgen dafür, dass Heaven Sent nicht nur als Staffelfinale, sondern auch als eigenständige Folge ein absolutes Highlight ist. Bei Hell Bent ist die Sache nicht ganz so einfach: Die große Rückkehr nach Gallifrey ist endlich da, wird aber komplett über Bord geworfen, was diesen langersehnten Moment etwas enttäuschend wirken lässt und die Time Lords etwas entmystifiziert. Der Fokus liegt hingegen auf Clara, was ein zweischneidiges Schwert ist: Zum einen ist die Darstellung eines fast besessenen Doctors nicht uninteressant und äußerst sehenswert, zum anderen ist die schlussendliche Auflösung doch ein Stich in den Rücken von Face The Raven und eben Heaven Sent.

1. The Magician's Apprentice / 2. The Witch's Familiar

Mit einem größeren Knall kann man eine neue Staffel kaum eröffnen, den der Zweiteiler ist voll mit klassischen Figuren (Daleks, Missy, UNIT, Davros) und verspricht mit Skaro als Setting viel, aber das Herz der Folge sind die Charakterbeziehungen. Ein untypischer Doctor darf als „Erschaffer“ von Davros der Dalek-Mythologie neues Leben einhauchen und im moralischen Zwiespalt glänzen, auch wenn die Gleichgültigkeit gegenüber der Bedrohung durch die Daleks sowie das „ich wusste es die ganze Zeit“-Ende einiges kaputt machen. Auch wird die Freundschaft zwischen dem Doctor und Missy thematisiert, die Lust auf mehr macht und uns im Gespann Missy und Clara ein Highlight liefert. Clara ist sehr passiv, aber Missy dafür ein Feuerwerk: lustig (ihr „you will tell us“-Tanz ist zum Schreien), überdreht, immer einige Schritte voraus und extrem bedrohlich, wenn sie will. Alleine wegen Missy ein Must-See, aber auch sonst ist die Geschichte temporeich und „heavy on background“ samt einer guten Prise Nostalgie, auch wenn zum Ende hin etwas inkonsequent.


5. The Girl Who Died

Eine echt schwierige Folge: Auf der einen Seite könnten mich die Wikinger mit ihrem Pathos und Stolz nicht weniger interessieren und die Bedrohung durch Odin nicht lächerlicher wirken, auf der anderen Seite ist ein Regeln brechender Doctor im Trauermodus immer interessant – vor allem, wenn Kurzschlussaktionen bleibende Konsequenzen haben. Auch der Wink zu einem alten Abenteuer des zehnten Doctors ist gelungen und allgemein ist der Humor ebenso passabel. Kurz: Interessante Themen, schwacher Hauptplot, aber zumindest unterhaltsam genug.


7. The Zygon Invasion / 8. The Zygon Inversion*

Der Zygon-Zweiteiler greift einen Handlungsstrang aus „The Day of the Doctor“ auf und macht daraus eine überraschend politische Geschichte, die sicher nicht zufälligerweise im Jahr der „Flüchtlingskrise“ entstanden ist, der Thematik mehr als gerecht wird und in einem der besten und emotionalsten Ansprachen des Doctors zum Thema Krieg mündet – wieder perfekt personifiziert durch Peter Capaldi. Die Message ist somit feinfühlig sowie smart in eine gute Sci-Fi-Geschichte implementiert und das Finale herausragend, dafür wirkt die Welt von Doctor Who in der ersten Hälfte etwas klein und Claras Bedeutung wird etwas überstrapaziert. Ansonsten lupenreine Sci-Fi-Unterhaltung. Extra: Petronella Osgood ist immer ein Plus, da extrem sympathisch.


10. Face The Raven*

Clara Oswald war nicht immer ein perfekter Companion, aber wer war das schon. An der Seite von Peter Capaldi hat sie sich aber doch etabliert, so dass ihr Ausscheiden als schöner Höhepunkt ihres Handlungsstrangs mit dem Wunsch, wie der Doctor zu sein, doch ein harter Schlag ist. Mir gefällt vor allem die Unscheinbarkeit der Ereignisse, die unterstreicht, dass auch das „netteste“ Abenteuer mit alten Gesichtern – Ashildr und Rigsy – aufgrund eines einzigen Fehlers tödlich ausgehen kann. Mit einem Schlag wird klar, dass es (zumindest in diesen 45 Minuten) kein Zurück gibt und sich der Doctor wieder seiner größten Angst stellen muss, was Peter Capaldi eindrucksvoll darstellt. Jenna Coleman zieht ihre Rolle bis zum bitteren Ende durch und verabschiedet sich würdig. Somit bleiben ein smarter Plot des Bösewichts, eine starke Inszenierung, ein emotionales Finale und als Draufgabe ein toller Cliffhanger. Highlight!


The Husbands of River Song

Obwohl es bereits einige Versuche gab, würde ich behaupten, dass es im Whoniverse kaum wirklich romantische Geschichten gibt, und auch die Beziehung des Doctors zu River Song war immer spannend, aber ohne dass der Funke übergeht. Witzigerweise gelingt dies beim allerletzten Treffen des Doctor mit River vor ihrem Tod. Die Folge lässt sich einfach auf eine „RomCom in Space“ ein und funktioniert als solche, weil die Albernheiten sowie der Humor zünden. Zudem liefern Peter Capaldi und Alex Kingston die offensten und emotionalsten Performances dieser Beziehung bislang ab, ohne auf die etablierten Besonderheiten zu verzichten. Just sweet – und ein würdiger Abschied für River Song.




Doctor Who hatte noch nie ein Problem damit, ernste Themen in unterhaltsame und familiengerechte Sci-Fi-Geschichte zu verpacken, aber dieser Zugang wird zur treibenden Kraft in Series 9 (der Zugang des Doctors zu Krieg ist als Beispiel im Video zu sehen). Glücklicherweise hat genau da Show-Runner Steven Moffat seine Stärken und mit Peter Capaldi den perfekten Doctor für den Job.

 

Ein wenig fühlt sich Series 9 auch wie ein Abschied an, da mehr kaum geht – ähnliche wie einst mit Series 4. Glücklicherweise hat das Gespann Moffat / Capaldi aber noch Series 10 in petto ...

*ich benutze Doctor, weil sich die deutsche Variante des Doktors in diesem Kontext falsch anfühlt.


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