Doctor Who: Series 8


„The Grumpy, the Companion and the Mystery“

Der zwölfte Doctor feiert sein Debüt nach bewegten Zeiten und bringt mit dem reiferen Alter der neuen Inkarnation die nötige Ruhe mit, um eine Entschleunigung einzuleiten: Charaktere bekommen mehr Zeit und Raum zum Atmen, die Geschichten sind greifbarer und bodenständiger, ohne dauern auf eine große Unbekannte abzuzielen, und das Casting unter Show-Runner Steven Moffat landet drei Jackpots.

 

  • Peter Capaldi sollte zu eine der vielschichtigsten Inkarnationen des Doctors werden, was auf Anhieb zumindest angedeutet wird, da in Series 8 vor allem die ungewohnte Härte sowie der köstliche Humor im Vordergrund stehen.
  • Companion Clara Oswald profitiert am stärksten von der Regeneration, kann ihre besserwisserischen Züge im Zaum halten und wird dafür mit mehr Charaktertiefe belohnt – ihr Liebesleben wird aber etwas überstrapaziert.
  • Übergreifende Handlungsbögen erdrücken oftmals Einzelepisoden, aber das Mysterium um Missy – bedrohlich-erfrischend gespielt von Michelle Gomez – weiß das Interesse aufrechzuerhalten und im Finale samt Twist abzuliefern.

Series 8 bietet insgesamt 11 Geschichten, die genau das abliefern, was von Doctor Who unter Steven Moffat zu erwarten ist – aber etwas fokussierter und kompakter als mit dem elften Doctor. Wie üblich gibt es Eindrücke samt Spoiler zu allen Geschichten sowie ein Sternchen (*) für meine Top 3-Folgen.


1. Deep Breath

Gelungener Start in eine neue Ära, wobei der Beginn fast in Richtung „The Christmas Invasion“ abdriftet, ohne ganz abzurutschen, da sich die Folge gleichermaßen um den Doctor und den Companion kümmert – und der Reboot dieser Beziehung kommt vor allem Clara zugute. Somit lebt die Folge vom Kennenlernen: Der Doctor erfindet sich neu, Clara hinterfragt sich und beide machen einen ersten Schritt aufeinander zu – dank Peter Capaldi auf sehr unterhaltsame Art und Weise. Und der Rest? Der Plot ist interessant, bleibt lange ungelöst – vom brennenden T-Rex in London über Organe sammelnde Androiden bis zum Besuch im Himmel – und der Support der Paternoster Gang ist immer erfreulich. Zudem wird angedeutet, was noch zu erwarten ist – somit nicht nur eine gute Post-Regeneration-Folge, sondern auch ein starker Staffelstart.


3. Robot of Sherwood

Eine recht kontroverse Folge lauert im Besuch des Doctors bei Robin Hood, die nicht selten als Tiefpunkt gesehen wird. Es scheint aber eher der Ton so ungewohnt anders zu sein, dass das Abenteuer eventuell etwas deplatziert erscheinen lässt. Der zwölfte Doctor wirkt wie ein bockiges Kind, ist überdreht und lässt sich oft zu Albernheiten verleiten – ist dabei aber nichtsdestotrotz herrlich unterhaltsam. Wenn man damit leben kann, dass nicht nur der Doctor, sondern der gesamte Plot und viele Ideen „over the top silly“ sind, dann wird man eine gute Zeit haben. Just fun … und Peter Capaldi ist toll darin.


5. Time Heist

Klassisches Material in das Doctor Who-Universum zu übersetzen, ist keine Neuheit. Der Banküberfall ist daher trotz einiger Twists keine große Überraschung, aber zumindest grundsolide Unterhaltung. Die Neuzugänge für den Überfall sind ansprechend und interessant genug, der Doctor als Teamlead spaßig und die Alien-Bedrohung gelungen – eine Rasse, der ich ein Comeback wünsche. Der Heist wirkt leider doch etwas einfach für die sicherste Bank des Universums und die Twists sind nicht immer ganz schlüssig. Somit leider keine allzu innovative Variante, aber eine solide Umsetzung nach Schema F mit genügend Doctor Who-Zauber, um positiv in Erinnerung zu bleiben. „Rick and Morty“ sollte sich Jahre später recht ähnlich diesem klassischen Motiv im Sci-Fi-Gewand zuwenden (S4E3).


7. Kill The Moon

Eine weitere kontroverse Folge, die vor allem wegen des High Concept Pitchs („the moon's an egg“) und einer recht harten Entscheidung des Doctors kritisiert wird – nicht zu Unrecht, Deal Breaker sind es aber auch nicht. Zum Plot: Ist interessant, wenn auch wissenschaftlich betrachtet lächerlich unhaltbar, nicht unspannend und die Auflösung bis auf den Schluss (neues Ei, Problem gelöst) smart enough. Lediglich auf Schülerin Courtney hätte ich verzichten können, da sie keinen Mehrwert bringt. Zur Entscheidung des Doctors, am Ende alles in die Hände von Clara zu legen: Nicht ganz nachvollziehbar, was damit bewiesen werden sollte, aber der Zündstoff zwischen Clara und dem Doctor fängt gut Feuer und bringt neue Nuancen in die Beziehung. Somit bleibt für mich als Fazit, dass die Folge gute Ideen sowie starke Momente hat, aber mehr Feintuning gebraucht hätte.


9. Flatline

Manchmal braucht es gar keine besonders innovative Bedrohung oder einen allzu spannenden Fall, sondern ein bis zwei gute Einfälle, damit eine Folge gelingt. In diesem Fall sind es zwei: Der in einer schrumpfenden Tardis gefangene Doctor sorgt für recht einfallsreiche und gelungene Sequenzen – vor allem bei der Tardis in Miniaturgröße. Zum anderen ist Clara auf den Spuren des Doctors ein anhaltendes Thema und findet hier den vorläufigen Höhepunkt – und ihre Interpretation des Doctors verrät mehr über Clara als über ihren Begleiter: Einblicke durch Rollentausch quasi. Der Mystery-Fall gibt wenig her, aber dafür ist Kurzzeit-Companion Rigsy cool und bringt etwas jugendliche Frische rein – man darf sich auf ein Wiedersehen freuen.

2. Into The Dalek*

Starke Dalek-Folgen waren zuletzt eher in der Minderheit, allerdings macht dieses Crossover aus „Fantastic Voyage“ und der Series 1-Episode „Dalek“ eine Menge richtig. Der Plot ist abenteuerlich und bleibt rasant, während sich der Doctor von seiner neuen, direkteren und härteren Seite zeigen darf, ohne dabei an Unterhaltungsfaktor zu verlieren – der Humor ist einfach trockener, was eine begrüßenswerte Abwechslung ist. Die Auseinandersetzung des Doctors mit dem Dalek – und dadurch mit sich selbst – ist ebenfalls gelungen, gibt (fast) neue Facetten des Doctors preis und mündet in einer überraschenden Niederlage. Sogar die Alltagsgeschichte um Clara ist überraschend unterhaltsam und gibt dem Doctor etwas Luft, um auch ohne Companion zu glänzen.


4. Listen

„Listen“ ist eine dieser Geschichten, für die Show-Runner Moffat verschrien ist, ich aber schätze, auch wenn er Probleme hat, bei der Landung das Ziel zu treffen: Verschachtelte Geschichten, die auf mehreren Ebenen – räumlich und zeitlich – spielen und mit einer starken Message in Erinnerung bleiben. Hier bedient er sich eines spannenden High Concepts, versucht es im Bereich der Traumdeutung auf den Boden zurückzuholen und streut noch erfolgreich eine positive Interpretation von Angst in den Mix. Die Zutaten ergeben dabei einen interessantes Rahmen, in dem sich ein fast besessener Doctor – Capaldi ist wieder grandios – austoben kann. Leider wird er vereinzelt vom unnötigen Subplot um Clara (plus Boyfriend Danny) in eine Nebenrolle gedrängt, wodurch der Folge ein netter Flow verwehrt bleibt. Extra für Fans: Der erste Doctor hat eine kleine Rolle in der Geschichte.


6. The Caretaker

Der frische Humor hat sich schnell als eine Stärke von Peter Capaldi etabliert und die gute Chemie mit Jenna Coleman erlaubt auch schwächeren Folgen, zu einem unterhaltsamen Vergnügen zu werden. Der Plot ist eher uninspiriert („School Reunion“ trifft auf eine Craig Owens-Episode), aber zweckdienlich, da sie Danny Pink endlich stärker einbindet und der Beziehung mit Clara einen benötigten, recht glaubwürdigen Boost gibt. Kein Kracher, aber ein nötiger Schritt nach vorne. Zudem ist der Doctor im Ghostbusters-Modus herrlich und die Gags zünden, etwa das anhaltende Missverständnis um Claras Freund.


8. Mummy on the Orient Express*

In erster Linie handelt es sich bei diesem „Agatha Christie in Space“ um eine Fortsetzung des anhaltenden Konflikts zwischen Clara und dem Doctor: Der Doctor zeigt sich weiterhin von seiner härteren Seite – ohne dabei auf seinen köstlichen Humor zu vergessen – und Clara hinterfragt ihn, offenbart aber auch eigene Schwächen, die ihrem Charakter zugute kommen. Der Mystery-Fall ist aber auch gelungen und sehenswert – die Mumie sieht top aus und das willkommen enge Setting erinnert in seiner Mischung aus Klassik und Sci-Fi an z.B. BioShock. Lediglich die Auflösung des Falls wirkt überhastet, der Spannungsaufbau bis dahin ist aber gelungen, so dass das Finale der guten Folge keinen Abbruch tut.


10. In the Forest of the Night

Dass die Kernzielgruppe von Doctor Who auch Kinder oder zumindest Familien sind, kann man schon mal vergessen, aber bestimmt nicht bei dieser Folge. Selten wirkte die Serie mehr auf Kinder zugeschnitten: Von der Schulklasse in zentraler Rolle über die etwas plumpe, aber zumindest gut gemeinte Umweltbotschaft bis zum etwas absurden Humor des Doctors wirkt alles etwas fremd und ungewohnt. Das Drehbuch gleicht sich dem allgemeinen Ton an und trotzt nur so vor Naivität. Obwohl ungewohnt, wirkt die Folge in sich stimmig und unterhaltsam genug, um kein Totalabsturz zu sein. Nebenbei wird die Danny-Clara-Situation vorangetrieben und die Kernbotschaft, neben dem Umweltschutz, lobenswert: Anderssein ist schwer in Ordnung und Gemeinsamkeiten bei einem offenen Ohr dennoch schnell gefunden.




11. Dark Water / 12. Death in Heaven*

Seit gefühlten Ewigkeiten gibt es wieder eine echte Doppelfolge und besser hätte das Comeback nicht ausfallen können. Die Folge beginnt mit einem Paukenschlag – egal wie man zu Danny Pink steht – und bringt auch sehr früh den anhaltenden Konflikt zwischen dem Doctor und Clara zur Eruption. Danach geht das Tempo etwas zurück, um dem Mysterium der Nachwelt Raum zur Entfaltung zu geben. Zur Halbzeit liegen der Cybermen-Twist sowie die Master-Offenbarung auf dem Tisch und der UNIT-Eingriff droht etwas, den herausragenden Flow zu unterbrechen. Glücklicherweise behält Missy auch im zweiten Teil die Oberhand und darf sich dank Michelle Gomez' Performance als meine bevorzugte Inkarnation des Masters etablieren: Verrückt – wie es auch Vorgänger John Simm war – und kalkulierend, aber emotional zwischen unterkühl und überhitzt, was für deutlich mehr Nuancen sorgt. Ansonsten ist „Death in Heaven“ fast schon actionlastig für Doctor Who-Standards – gelungen wohlgemerkt – und jeder Charakter bekommt seinen „moment to shine“ – in der Regel in Verbindung mit dem Thema Tod. Somit bleibt es zum Ende der Staffel bei einem echten Highlight, das zwar nicht perfekt ist, da der große Plan zwar smart, aber im Endeffekt nicht durchdacht ist, und Danny im Soldatenmodus nervt, aber auf einer bittersüßen Note endet.


Auf den sehr jungen Matt Smith folgt der doch reifere Peter Capaldi, aber die Handschrift von Steven Moffat ist noch immer der dominante Komponente. Das bedeutet anhaltend gute Sci-Fi-Unterhaltung auf hohem Niveau, eine erfolgreiche Einführung des neuen Doctors und Masters (das Aufeinanderprallen der zwei Größen ist im Video zu sehen) sowie überraschend frischen Wind, da der Druck aus dem Jubiläumsjahr abgefallen ist.

 

Was gut startet, kann noch besser werden, somit ist die Erwartungshaltung für Series 9 entsprechend hoch ...

*ich benutze Doctor, weil sich die deutsche Variante des Doktors in diesem Kontext falsch anfühlt.


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