Doctor Who: Series 6


„Das Leben und Sterben des Doctors in zwei Akten“

Steven Moffat hatte erfolgreich mit seinem Doctor, Matt Smith, ein neues Kapitel in der langjährigen ‒ und großteils erfolgreichen ‒ Geschichte der britischen SciFi-Serie „Doctor Who“ aufgeschlagen, das es in Manier der letzten Staffeln nun zu übertrumpfen galt. Kein leichtes Unterfangen, aber eines mit Erfolgsaussichten, denn der Start in die Staffel lässt auf Großes hoffen, während gleichzeitig gewisse Abläufe geölter wirken ‒ ganz ohne neue Herausforderungen und Stolpersteine bleibt das zweite Jahr des elften Doctors aber auch nicht.

 

  • Wie eh und je lebt „Doctor Who“ von der Qualität der Drehbücher und eine Handvoll Highlights bestätigt, dass diese mehrheitlich stimmt. Während allerdings Einzelfolgen nahezu ausnahmslos punkten, tut sich die Staffel mit der übergreifenden Handlung schwer.
  • Eine Staffel „Doctor Who“ wurde erstmals in zwei geteilt ‒ mit einer größeren Unterbrechung zwischen den Hälften ‒ und das tat dem Plot nicht gut. Der Start ist stark, die Haupthandlung in der ersten Hälfte aber omnipräsent und in der zweiten Hälfte oftmals eine Randerscheinung samt enttäuschendem Ende. Die Balance stimmt nicht.
  • Pluspunkte sammelt die Staffel hingegen für die Crew des Doctors. Bislang lebte viel von der Chemie zwischen Karen Gillan und Matt Smith, aber mit dem fixen Einstieg von Arthur Darvill als Rory Williams und der präsenten Rolle von River Song gewinnt das Team nicht nur an Substanz, sondern an einer unterhaltsamen Gruppendynamik.

Series 6 bietet insgesamt zwölf Geschichten, die alles in allem gute bis sehr gute SciFi-Unterhaltung bieten. Schwankungen in der Qualität finden sich vor allem in den Folgen, die das große Mysterium der Staffel ‒ der Tod des Doctors ‒ in den Mittelpunkt rücken. Wie üblich gibt es wieder ein paar Eindrücke inklusive Spoiler-Warnung sowie ein Sternchen (*) für meine Top 3-Folgen.


A Christmas Carol

Will man dem elften Doctor nach seiner Debüt-Staffel Defizite nachsagen, sind sie am ehesten im emotionalen Bereich anzusiedeln ‒ zu oft agiert er etwas „off“ und vergisst auf zutiefst menschliche Tugenden. Wie in „The Eleventh Hour“ gelingt es wieder mit Hilfe eines Kindes, die menschlichste und zugänglichste Seite des Doctors nach Außen zu kehren. Um den auch humoristisch entfesselten Doktor entwickelt sich eine herzerwärmende Geschichte nach der klassischen ‒ und offensichtlichen ‒ Vorlage, die dank netter Twists, starker Leistungen, wie von Michael Gambon als Quasi-Scrooge, und allgemein erheiternder Lebendigkeit mit einem Hauch von Romantik zu unterhalten weiß. Erfreulicherweise hinterfragt der Plot auch das Handel des Doctors ‒ ist es in Ordnung, das ganze Leben einer Person zu verändern, um das eigene Ziel zu erreichen? ‒ und liefert somit Tiefgang, ohne jedoch tief genug zu graben. Dennoch eines der besseren Christmas-Specials und ein hervorragender Start in Matt Smiths zweites Jahr als der Doctor.


1. The Impossible Astronaut / 2. Day of the Moon*

Zum regulären Start von Staffel sechs gibt es eine Doppelfolge, die sich zwar wie die bisherigen Staffel-Finalen anfühlt, im Kern aber ein großes Setup für die neue Staffel ist: Spannende Mysterien und Fragen werden aufgeworfen, neue Entwicklungen in manchen Beziehungen (Rory-Amy-Doctor & Doctor-River) angestoßen und mit The Silence gesellt sich ein äußerst bedrohlicher Widersacher dazu. Zusätzlich wird das US-Setting erfrischend anders präsentiert ‒ „Stargast“ Richard Nixon ist überraschend unterhaltsam ‒ und der Horror-Vibe zwischendurch ist effektiv inszeniert. Alles in allem ein guter Start, der den weiteren Weg vorgibt. Ein kleinerer Nachgeschmack der bitteren Sorte bleibt aber: Der Plan zur Vernichtung von The Silence ist zu simpel, um in dieser Form zu funktionieren, und untypisch kaltblütig für den Doctor, der wenig Interesse an seinen Gegnern zeigt und sie quasi zum Abschuss freigibt. Macht dennoch Lust auf mehr.


3. The Curse of the Black Spot

Nachdem die sechste Staffel furios startete, ist diese Piratenfolge mit Henry Avery eine halbe Bruchlandung, da sie nicht ganz genau weiß, welchen Ton sie treffen will. Der Anfang ist überdreht und sehr abenteuerlich mit unserem Trio auf der Suche nach Spaß und erst ein absurder Schwertkampf mit Amy, der erste Todesopfer fordert, bewegt den Doctor zu einem Umdenken. Allgemein wirkt der Doctor wenig nahbar bzw. emotional betroffen, die Handlung seltsam „staged“ und die Charaktere sind eher zu überspitzte Parodien. Der finale Twist um den Sirenen-Mythos ist zwar gelungen, wird aber von einer viel zu kitschig-dramatische Szene mit Amy und Rory zunichtegemacht. Ein Plus noch: Amy ist eine umwerfende Piratin. Am Ende des Tages bleibt aber zu wenig, um die Folge allzu positiv in Erinnerung zu behalten.


4. The Doctor's Wife*

Stargäste vor der Kamera sind keine Seltenheit bei „Doctor Who“, sehr wohl aber hinter den Kulissen. Mit Neil Gaiman konnte für diese Episode ein solcher Star für das Drehbuch gewonnen werden ‒ mit sehr beachtlichem Erfolg. Das spannende Mysterium um einen lebendigen Planeten außerhalb des Universums entfaltet sich stetig und lockt durch den Notruf der Time Lords wieder einen emotionalen Doctor an die Oberfläche (Amy: „you want to be forgiven“ ‒ Doctor: „don't we all?“), der zusätzlich mit einer sterbenden Tardis in Menschengestalt zu tun hat. Diese Beziehung ist das Highlight der Folge und schafft einen wohltuenden Spagat zwischen Nostalgie, Freundschaft und Romantik, der einiges über die Tardis, den Doctor und ihre Interaktionen preisgibt ‒ mit Humor, aber auch etwas Melancholie. Suranne Jones und Matt Smith verfügen zudem über eine bezaubernde Chemie, die vielleicht nur zur falschen Zeit kommt, da sie sogar die Konstellation mit River Song etwas blass aussehen lässt. Alles in allem eine Folge mit Substanz, Emotionen, Überraschungen und Entwicklungen mit bleibendem Eindruck. Lediglich zwei etwas gleichgültig wirkende Phrasen des Doctors über die Ood und die Time Lords waren „out of character“ und der Subplot mit Amy und Rory ist bestenfalls solide. Aber wo der Plot funktionieren muss, tut er das auch ‒ und man merkt, dass Gaiman ein Whovian ist.


5. The Rebel Flesh / 6. The Almost People

Ein kleines Déjà-vu gibt es bei diesem Zweiteiler um einen Kleinkrieg zwischen Menschen und The Flesh ‒ einer gezüchteten Rasse mit Ablaufdatum. Die Eckpfeiler um diesen Konflikt und die Rolle des Doctors als Mediator samt Scheitern aufgrund eines Todesfalls erinnert sehr stark an „The Hungry Earth“ / „Cold Blood“, ist in der Umsetzung aber das deutlich reifere Werk. Der Doctor ist unparteiischer, Rory und Amy werden gut in die Geschichte um die Doppelgänger eingebaut, um den Konflikt auch aus beiden Seiten zu durchleuchten, und der Kommentar über Ausbeutung sowie die Botschaft, dass am Ende des Tages zählt, was man tut, und nicht, wer man ist, sind lobenswert und subtil eingebaut. Zudem wartet die Folge mit einem gelungenen Twist auf, der gleich die nächste Doppelfolge einleitet und die Spannung in die Höhe schraubt. Kleine Wermutstropfen: Um den Konflikt am Eskalieren zu halten, agieren beide Parteien zu sehr in einem Schwarz-Weiß-Muster ‒ mehr Grauzonen wären begrüßenswert gewesen ‒ und die letzte Szene jagt der Botschaft der Folge leider ein Messer in den Rücken.


7. A Good Man Goes To War

Im neuen Format bildet diese Folge das Mid-Season-Finale und kann als solches auch gut punkten ‒ eben eher als ein Setup. Der übergreifende Plot macht beachtliche Sprünge, es gibt Enthüllungen um River Song und der Doctor muss sich spannenden Fragen moralischer Natur stellen. Zwischen den neuen Informationen geht der Rest aber etwas unter, weswegen die Folge auf sich alleine gestellt nicht perfekt funktioniert: Die Attacke auf Demon's Run ist fast langweilig ‒ wenn auch bis zu einem gewissen Grad so gewollt ‒ und die „coole“ Inszenierung des Doctors samt Gefährten schießt etwas über das Ziel. Das Team inklusive einiger Neulinge harmoniert aber gut, so dass zumindest daraus Unterhaltungswert entsteht, und die paar ernsteren Passagen ‒ Zweifel am Doctor und das Drama um Melody Pond ‒ sitzen. Somit bleiben starke Ansätze und Ideen sowie ein notwendiges Puzzle-Stück im Hinblick auf die gesamte Staffel, aber eine alles andere als perfekte Stand-Alone-Folge.

8. Let's Kill Hitler

Der Start in die zweite Staffelhälfte hat Probleme beim Treffen des richtigen Tons: Der Anfang ist zu überdreht und fast Slapstick, obwohl die treibende Kraft eher ernst ist. Ähnlich unrund behandelt die Folge die gesamte Situation um die Vergiftung des Doctors und auch River Songs Rolle ist zu schwammig definiert: Mal ist sie flirty, mal auf Killerin programmiert und am Ende rettet sie wenig nachvollziehbar den Doctor. Das Ganze wirkt wie eine Ansammlung guter Ideen, die es nie zu einem runden Drehbuch geschafft haben. Die Ideen sind aber zum Teil so gut, dass die Folge genug Unterhaltungswert hat. Die Sequenzen mit der titelgebenden Figur sind spaßig, die Teselecta-Idee gelungen und auch die Fortführung des „Melody Pond“-Arcs zumindest im Ansatz gut ‒ und „on top“ gibt es noch eine süße Amy-Rory-Sequenz, die dem Paar eine ihrer seltenen romantischen Momente ermöglicht. Alles in allem eine gute Folge, der aber hier und da etwas mehr Konsequenz und Fokus sehr gut getan hätten.


9. Night Terrors

In einer Staffel, die von großen Abenteuern und einem überraschend zusammenhängenden Plot lebt, tut eine kleine Geschichte um die Ängste eines Kindes gut ‒ vor allem, wenn dabei ein paar Stärken der Crew des elften Doctor zum Tragen kommen. Dazu gehören eine starke Performance von Matt Smith, der in seiner Darstellung des Doctors in Szenen mit Kindern aufblüht, ein spaßiges Amy-Rory-Comedy-Duo im gelungenen Horror-Setting sowie eine bekannte, positive Botschaft am Ende ‒ vergleichbar mit jener aus „The Rebel Flesh“ / „The Almost People“. Dass die Handlung sehr durchschaubar ist und sich ein paar Muster langsam wiederholen, ist dabei verkraftbar, denn am Ende bleibt eine grundsolide Folge.


10. The Girl Who Waited*

Zeitreisen sind ein geniales Setting für Geschichten und eine persönliche Schwäche habe ich in diesem Genre für Plots, in denen die kleinsten Handlungen starke bis fatale Auswirkungen haben. Ein Beispiel: „The Girl Who Waited“. Ein falscher Knopfdruck versetzt Rory und den Doctor in einen anderen Zeitfluss als Amy, die bis zu ihrer nächsten Zusammenkunft 30 Jahre gealtert ist. Das Highlight ist dabei die emotionale Auseinandersetzung des Trios mit dieser Situation und der Tatsache, dass am Ende des Tages eine Leben auf der Strecke bleiben wird. Rory und Amy zweifeln dabei erstmals am Doctor und büßen auch für ihre bisherige Naivität. Obwohl Rory der Wut und Amy der Hoffnungslosigkeit verfallen, ist ihre Verbindung in dieser Situation am stärksten ‒ süße Sequenzen des Paares inklusive. Spannend ist aber auch die Reaktion des Doctors, der emotional auf Distanz geht und diskussionswürdige bis skrupellose Entscheidungen trifft, um seine Amy zu retten. Selten hat der Doctor mehr wie ein Alien gewirkt, als neben Rory ‒ zutiefst menschlich in seiner Verzweiflung. Alles in allem eine starke Folge mit einem willkommenen Fokus auf die düsteren Seiten der Abenteuer mit dem Doctor.


11. The God Complex

Ein Hotel, eine Gruppe Gefangene, ein Minotaurus und Räume voller tiefster Ängste klingt nach einer spannenden Prämisse für eine starke Geschichte, die nicht nur durchgehend rasant erzählt wird, sondern auch mit einer smarten Auflösung samt Twist aufwarten kann und dem Doctor zudem den Spiegel vorhält ‒ der titelgebende Gottkomplex ist ihm gewidmet. In diesem Zusammenhang verabschiedet sich der Doctor nach einem Abenteuer, das ihn spürbar mehr mitnimmt als sonst, berührend von den Ponds ‒ ein gelungener Rahmen hierfür, auch wenn es nur bei einer befristeten Trennung bleibt. Zudem ist die gesamte Clique an Gefangenen unterhaltsam, die Umsetzung vom Horror-Hotel ideenreich sowie stimmungsvoll und die Inszenierung in Sachen Kamera und Schnitt experimentierfreudig. Rundum gut: Ein starkes Mysterium, spürbare Konsequenzen und zudem äußerst unterhaltsam.


12. Closing Time

Die Fortsetzung zu „The Lodger“ setzt genau dort fort, wo der Vorgänger aus Series 5 aufgehört hat: Matt Smith und James Corden geben ein tolles Comedy-Duo ab und sind zudem besonders energisch im Doppelpack. Diese Energie ist auch die treibende Kraft hinter der Folge ‒ zusammen mit dem etwas albernen, aber spaßig performten Humor. On top gibt es zudem ein Baby als Gag-Vehikel und eine gelungene Vertiefung der Freundschaft beider Hauptfiguren: Craig mangelt es an Selbstvertrauen, der Doctor ist der Melancholie verfallen ‒ und zusammen ziehen sie sich aus ihren Tiefen. Etwas Substanz tut im See aus Gags gut, den der Hauptfall mit äußerst unbedrohlichen Cybermen ist kaum erwähnenswert. Aber manchmal braucht es auch mal einfach gute Laune und das bietet die Folge auf jeden Fall. Quasi die Ruhe vor dem Sturm, der sich am Ende der Folge anbahnt ‒ und leider Craigs letztes Abenteuer mit dem Doctor.


13. The Wedding of River Song

Die sechste Staffel begann mit einem starken Mysterium rund um den Tod des Doctors, das sich im Laufe der Staffel immer mehr aufgeklärt hat, bis nur noch wenige offene Fragen blieben. Und um diese geht es im ungewohnt kurzen Staffelfinale, das die letzten Rätsel ‒ nicht immer zufriedenstellend ‒ aus dem Weg räumt und den bereits sehr ausgehöhlten Handlungsstrang beendet ‒ ohne dabei mit Trenzalore den Arc von Series 7 vorzubereiten. Leider hat man aber vergessen, um diese letzten Antworten einen ansprechenden Plot zu konstruieren, so dass einfach Themen abgehakt werden, ohne frischen Wind reinzubringen. Vielleicht ein solider Wrap-up einer guten Staffel, aber keine gute eigenständige Story und daher ein etwas enttäuschendes Staffelfinale.




Das Team vor und hinter der Kamera bringt die Stärken der Reboot-Staffel von „Doctor Who“ wieder mit und punktet durch Eingespieltheit. Series 5 zu übertrumpfen, ist allerdings nicht gelungen ‒ die Qualität stagniert aber auf hohem Niveau.

 

Auf dem Punkt gebracht hakt es an der übergreifenden Handlung, die beeindruckend startet und ein gutes Rätsel aufwirft (als Appetitanreger sei das Video empfohlen), um am Ende wenig damit zu machen und am neuen Format mit zwei Staffelhälften zu scheitern.

 

Bekommt Showrunner Steven Moffat die neuen Gegebenheiten in den Griff, spricht nichts für einen erfolgreichen nächsten Anlauf beim Versuch, sich selbst zu übertreffen Trenzalore is waiting!

*ich benutze Doctor, weil sich die deutsche Variante des Doktors in diesem Kontext falsch anfühlt.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0