Doctor Who: Series 5


„Doctor Who 2.0: Reboot Mastered“

Wenn es eine Serie gibt, die um die Schwierigkeiten eines Neustarts Bescheid weiß, dann ist es die britische Science Fiction-Kultserie „Doctor Who“, die alleine aufgrund ihrer Prämisse dazu gezwungen ist, sich stets neu zu definieren. Der durch Raum und Zeit reisende Doctor ist bereits in seinem elften Lebenszyklus angekommen und findet nicht nur einen neuen Körper vor, sondern auch eine ganz neue Crew vor und hinter der Kamera.

  • „Doctor Who“ steht und fällt mit der Stärke der Drehbücher und so ist die Wahl von Steven Moffat als Showrunner eine erfreuliche Bestätigung dieser Wertschätzung. Immerhin hat Moffat bislang einen Hit pro Staffel abgeliefert.
  • Der mutige Schritt zu einer klaren Abgrenzung zur beliebten Russell T. Davies-Ära war eine gute Entscheidung. Man eröffnet Räume für Experimente, ohne anhaltende Vergleiche über sich ergehen zu lassen.
  • Matt Smith ist von der ersten Sekunde der elfte Doctor in einer äußerst interessanten Inkarnation: Mal verspielt, mal befremdlich und kühl. An seiner Seite ist mit Amy Pond, verkörpert von der hinreißenden Karen Gillan, eine abenteuerlustige Partnerin, die auch nicht ohne Schwächen ist. Ein Duo mit Potenzial, das Früchte trägt.

Series 5 bietet insgesamt zehn Geschichten, die in der Hälfte der Fälle herausragende Sci-Fi-Unterhaltung ‒ mal mit mehr, mal mit weniger Tiefe ‒ bieten, während es leider auch drei kleinere Ausrutscher in die Staffel geschafft haben. Wie üblich gibt es wieder Eindrücke ‒ Spoiler-Alert ‒ und wie ebenso üblich markiert ein Sternchen (*) meine Top 3-Folgen.


1. The Eleventh Hour*

Doctor Who startet in seine zweite Ära nach dem Revival und der neue Showrunner, Steven Moffat, spendiert dem Doctor ein gelungenes „Soft Reboot“: Alles ist neu, modern sowie anders ‒ der Doctor, die Begleitung, Humor, Stil, Tardis, etc. ‒ und doch ist die erste Folge dank eines starken Drehbuchs klassische Doctor Who-Unterhaltung. Vor allem der Anfang samt Selbstfindungstrip mit einer jungen Amelia Pond im Traummodus strotzt vor Doctor Who-Zauber und etabliert das neue Duo anders als bisher. Aber auch nach dem Zeitsprung ‒ „The Girl in the Fireplace“ lässt grüßen ‒ wartet ein spannendes Abenteuer auf die ZuseherInnen, das mit Tempo, Humor und einer smarten Auflösung zu gefallen weiß. Etwas ungewohnt sind die Inszenierung von Amy Pond mit sehr viel Sex-Appeal ‒ Karen Gillan passt als freche und sexy Begleiterin perfekt ‒ sowie der kleine Arroganzanfall des Doctors. Dennoch ist die Folge nicht nur ein astreiner Startschuss, sondern verspricht gleich von Beginn an frische Impulse und spannende Geschichten.


2. The Beast Below

Gerne geht es mit neuen Companions in die ferne Zukunft und auch der elfte Doctor macht keine Ausnahme. Im All fliegenden England lauert ein düsteres Geheimnis, das die Folge interessant hält und auch Raum für sehr treffende Gesellschaftskritik lässt. Während das Konzept somit als Metapher bzw. düsterer Blick in die Zukunft funktioniert, ist das Leben auf Starship UK leider nur bedingt schlüssig. Als Trost für diese kleinen Defizite ist es schön, mal den Doctor am Straucheln zu sehen und Amy als treibende Kraft zu sehen. Die Beziehung zwischen dem Doctor und Amy ist allerdings ein Spur zu eingespielt ‒ zur Mitte der Staffel hätte das Zusammenspiel natürlicher gewirkt. Trotz kleinerer Ecken und Kanten dennoch eine gute Folge, die etwas Feintuning vertragen könnte.


3. Victory of the Daleks

Der wohl schwächste Auftritt der Erzfeinde des Doctors seit dem Revival: Das Motiv hatten wir bereits in ähnlicher Form („Daleks in Manhattan“ / „Evolution of the Daleks“), die Bedrohung durch die Daleks ist quasi inexistent und der geschichtliche Teil um Winston Churchill geht fast in Richtung missglückter Parodie. Zudem hat die Folge Hänger und schreitet nur träge voran. Ein paar Ansätze sind gut (Undercover-Daleks), aber viel wurde aus dem Potenzial nicht gemacht. Dafür rückt das staffelübergreifende Rätsel um den Riss im Raum-Zeit-Kontinuum weiter in den Vordergrund ‒ immerhin etwas.


4. The Time of Angels / 5. Flesh and Stone

Im Normalfall kommen so viele Handlungen nur in einem Finale zusammen, aber zur Abwechslung gibt es bereits zur Halbzeit ein großes Feuerwerk: Die Weeping Angels, die Pandorica, der Riss im Zeit-Raum-Kontinuum, River Song ‒ zurückgekommen, um zu bleiben ‒ sowie der Tod eines „guten Mannes“ spielen eine zentrale Rolle oder werden zumindest erwähnt ‒ quasi der elfte Doctor „in a nutshell“. Die große Teaser-Welle macht zwar Lust auf mehr, hindert die im Mittelpunkt stehende Geschichte aber daran, sich zu entfalten. Während der Aufbau der Weeping Angel-Bedrohung in der ersten Hälfte gelingt, der Background interessant, wenn auch etwas entmystifizierend, ist und auch der weitere Wettlauf ums Überleben spannend bleibt, verläuft sich die Geschichte zur Auflösung hin etwas. River, Amy und der Doctor sind dafür ein tolles Team, bei dem die Chemie stimmt, wobei Amy auch einige starke Szenen unter Hochspannung mit Bravour meistert ‒ dafür gibt es ganz am Ende Abzüge für ihren Flittchen-Modus. Vielleicht passiert im Endeffekt einfach zu viel, aber dennoch bleibt es bei einem starken Zweiteiler, der Lust auf mehr macht.


6. The Vampires of Venice

Einerseits ist diese Alien-Interpretation des Vampir-Mythos eine gelungene Darstellung des elften Doctors als teilweise ziemlich befremdlicher Held und von Amy als äußerst impulsive Begleiterin mitten im Gefühlschaos ‒ nicht unbedingt die sympathischsten Eigenschaften beider Charaktere. Auf der anderen Seite hingegen lebt der Plot nur von guten Ansätzen ‒ der Preis für das Überleben einer Rasse ist kein neues Thema für den Doctor, aber sehr wohl für diese Inkarnation. Das Potenzial wird nie ausgeschöpft und die Folge somit „by the book“ ohne Überraschungen, Tiefe oder Substanz über die Ziellinie gebracht: Mehr als ein solides Ergebnis ist ohne Mut eben nicht drin. Rory deutet zumindest nicht nur Potenzial als Amys Boyfriend an, sondern auch als Companion.

7. Amy's Choice*

Die längst fällige Episode, die etwas mehr Tiefe und emotionale Nachvollziehbarkeit in die Dreiecksbeziehung zwischen Amy, Rory und den Doctor bringt ‒ und zwar durchaus gelungen, aber weiterhin mit Entwicklungspotenzial. Zusätzlich darf der Doctor dank des Dream Lords wieder von seiner düsteren Seite glänzen und sich als Underdog ein spannendes Duell liefern. Verpackt ist das Ganze in einer mitreißenden Prämisse mit einem Hauch von „A Nightmare on Elm Street“: Zwei Welten und Bedrohungen ‒ einmal Traum, einmal Realität ‒ und eine schwere Entscheidung auf Leben und Tod. Rundum gelungen mit einem grandiosen Toby Jones als Widersacher par excellence.


8. The Hungry Earth / 9. Cold Blood

Dieser Zweiteiler ist ein wahres Durcheinander mit interessanten Ansätzen ‒ Geiseln, Verhandlungen, zwei Seiten, die gleichermaßen richtig und falsch liegen sowie persönliche Mini-Arcs für den Doctor, Amy und Rory ‒ sowie einer Umsetzung, die leider ausnahmslos den falschen Ton trifft und jegliches Potenzial über Bord wirf. Das Drehbuch schreit mit seinen Eckpfeilern nach einem ernsten, subtileren Zugang, wird aber leider in ein locker-flockiges Abenteuer ohne Figuren mit echter Persönlichkeit geworfen, in dem sogar der Doctor einfach nicht nachvollziehbar handelt ‒ speziell im Finale. Der Doppelfolge mangelt es sogar an Unterhaltungswert, da sie zu konstruiert wirkt. Sicher nicht die ersten Folgen von Doctor Who, die etwas schwächer sind, aber doch ein negativer Ausnahmefall in so stark ausgeprägter Inkonsistenz, dass man nicht einmal problemlos mitgehen kann: „No ride to enjoy here“.


10. Vincent and the Doctor*

Trotz der Nachwehen aufgrund der schwachen Doppelfolge samt fehlender Empathie des Doctors bezüglich Rorys Schicksal ist „Vincent and the Doctor“ ein wahres Highlight, das beweist, wie viel Herz in Sci-Fi stecken kann. Und es handelt sich um ein notwendiges Highlight, denn wenn der elfte Doctor Defizite hat, dann auf emotionaler Ebene. Nach zahlreichen AutorInnen darf nun mit Vincent van Gogh ein Maler auf ein Abenteuer mit, das zwar recht unspektakulär ausfällt, aber den perfekten Rahmen für die persönliche Geschichte von van Gogh bietet: Wahrlich zwischen Genie und Wahnsinn ist die Performance von Tony Curran, der die Freuden und Leiden van Goghs spürbar vermittelt, während das starke Drehbuch das Thema der mentalen Gesundheit würdig repräsentiert. Zudem dürfen Amy als faszinierter Antrieb und der Doctor als schlichter Philosoph mit überraschend bewegender Weisheit („every life is a pile of good things and bad things ...“) glänzen. Ein herausragendes Trio in einem zutiefst menschlichen Abenteuer ist quasi ein Hit-Garant bei Doctor Who, der auch hier zündet.


11. The Lodger

Der Doctor muss sich im normalen Leben beweisen und nebenbei so unauffällig wie möglich einen Fall mit seinem neuen Vermieter lösen ‒ klingt nach Spaß. Großteils ist die Episode auch genau das und porträtiert den elften Doctor im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen perfekt: Etwas unsensibel und manchmal am Rande des Slapsticks, aber doch mit Herz ‒ wenn auch nur selektiv. Der Hauptfall ist wenig aufregend und die Auflösung etwas billig, wenn auch süß. Dafür macht James Corden als Kurzzeitbegleiter mit seiner schusseligen Art Spaß und zusammen mit Daisy Haggard bringt er eine schöne Romanze auf den Bildschirm, wie ich sie vom Paar Amy-Rory komplett vermisse. Alles in allem ein kleiner Geheimtipp, der vom Doctor im Normalmodus und von einem starken Support lebt.


12. The Pandorica Opens / 13. The Big Bang

Staffelfinale versuchen, sich seit Anbeginn der Zeit ‒ in New Doctor Who-Zählung seit 2005 ‒ immer wieder aufs Neue zu überbieten. Die Messlatte war nach „The End of Time“ entsprechend hoch gesetzt, aber „The Pandorica Opens“ war drauf und dran, diese zu überwinden: Ein spannendes Mysterium, ein gelungener Twist um die Risse in der Realität und eine vernichtende Niederlage für den Doctor ‒ Matt Smith vermittelt die Überraschung, Angst und Panik mitreißend ‒ sorgen für einen unterhaltsamen, aber auch düsteren Start ins Finale. Und wenige Minuten in „The Big Bang“ werfen alles wieder über Bord und die Folge kriegt die Kurve auch nicht mehr ganz hin: Die Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen ist durchaus smart und bringt auch zufriedenstellend einige Handlungsstränge der Staffel zu Ende, aber der Ton ist anders. Ab Amys Einleitung in die zweite Episode geht jegliche Bedrohung flöten und man weiß, dass nichts mehr schiefgehen kann ‒ und wenn doch, weiß man spätestens nach Rorys Rückkehr, dass im Notfall auch ein etwas unplausibler Twist noch den Tag retten kann. Alles in allem dennoch ein starkes Finale mit einer genialen ersten Hälfte und einer zweiten Hälfte, die die Staffel und die Geschichte solide über das Ziel rettet, aber es verpasst, dem mehr als beachtlichen Reboot-Jahr die Krone aufzusetzen.



Steven Moffat und seinem Team ist es gelungen, die klassischen Stärken des „Doctor Who“-Universums modern zu verpacken und der Serie mit dem Reboot nicht nur den eigenen Stempel aufzudrücken, sondern auch mit Series 5 einen Einstiegspunkt für potenzielle Neu-Fans zu schaffen.

 

Wer den Einstieg mit Series 1 verpasst hat, kann dies problemlos mit Series 5 nachholen. Matt Smith und Karen Gillan sind dabei nicht nur ein energischer Duo, sondern auch interessante Charaktere, die die Serie auch durch seine wenigen Schwächen navigieren.

 

Als Feuerprobe sei „The Eleventh Hour“ empfohlen: Wer bei diesem starken Startschuss (siehe das Video als Anregung) nicht mit dem Doctor und Amy warm wird, wird es wohl auch später nicht mehr.

*ich benutze Doctor, weil sich die deutsche Variante des Doktors in diesem Kontext falsch anfühlt.


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