Doctor Who: Series 4


„Goodbying On a High Note“

Man soll bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Da die dritte Staffel der Sci-Fi-Serie „Doctor Who“ für Showrunner Russell T. Davies und David The Doctor Tennant nicht schön genug war, um das Sprichwort zu erfüllen, legt das Team noch einen drauf. Damit verabschiedet sich die gesamte Russell T. Davies-Ära, die für das Comeback der Kultserie verantwortlich war  aber nicht, ohne sich zu übertreffen.

 

  • David Tennant hat den Doctor bereits länger im Blut, aber dank risikofreudiger Drehbücher darf er noch einmal die Grenzen der Figur ausreizen ‒ ob besiegt in „Midnight“ oder von seiner dunkelsten Seite in „The Waters of Mars“.
  • Donna Noble bietet etwas von Rose Tyler plus mehr: Willkommene Normalität, eine herausragende Partnerschaft ohne romantische Spannungen, greifbare Gefühle und ein tolles Timing für Humor ‒ Catherine Tate ist auch Komikerin.
  • Die Vergangenheit wird zelebriert, so lässt sich alles blicken, was Rang und Namen im „Doctor Who“-Universum hat. Zudem ging die Staffel mit vier Specials in die Verlängerung, um einen Puffer zum „Soft Reboot“ zu schaffen.

Series 4 bietet somit inklusive Verlängerung insgesamt 15 Geschichten, die nur äußerst selten in den Durchschnittsbereich rutschen, aber umso öfter herausragende Höhen erreichen. Wie üblich gibt es wieder gesammelte Eindrücke mit Spoilern. Ein Sternchen (*) markiert wie üblich meine persönlichen Top 3-Folgen ‒ zwecks Fairness und um Vergleichbarkeit zu gewährleisten, sind die Specials ausgenommen, die allerdings bis auf „The Next Doctor“ allesamt mehr als empfehlenswert sind.


Voyage of the Damned
Als Titanic-Geschichte getarnt, aber im Kern ein reines „Poseidon Adventure“ im feinsten Doctor Who-Gewand: Eine Gruppe sympathischer Charaktere muss sich durch ein zerstörtes Schiff arbeiten, Hindernisse überwältigen und Opfer bringen, während der Spaßfaktor ‒ trotz Drama „as usual“ ‒ auf dem Höchststand ist, den der Humor ist ein wahrer Homerun. Die Dynamik passt, jede Zeile sitzt und auch Nebencharaktere wie Bannakaffalatta und der vermeintliche Experte für Irdisches dürfen glänzen. Dazwischen tauchen natürlich Monster auf und eine Menge geht äußerst unterhaltsam in die Brüche. Im Herzen sind es aber die Charaktere, auch Kylie Minogue als die begeisterungsfähige Kurzzeitbegleiterin Astrid Peth, sowie der Humor, die in Erinnerung bleiben. Allons-y, Alonso!
Empfehlenswert ist auch das kurze Special Time Crash ‒ ein smarter und unterhaltsamer Austausch mit dem fünften Doctor.


1. Partners in Crime

Doctor Who schafft es bislang mit bemerkenswerter Leichtigkeit, die Einführung neuer Companions über die Bühne zu bringen: Mit eher kleineren Stories und Fokus auf den ‒ fast ‒ neuen Charakter, gelingen bislang ausnahmslos erfolgreiche Eisbrecher für die weiteren Abenteuer der neuen Duos. Das Highlight ist nicht nur, dass wir eine neue Seite von Donna Noble nach dem ausgeschlagenen Erstangebot kennenlernen, sondern auch das smarte Aneinandervorbeiforschen zu Beginn samt amüsanter Begegnung in pantomimischer Manier. Allgemein sitzt der Humor, eine der großen Stärken des Duos Tennant / Tate, perfekt, die Adipose sind eine herrlich-süße Spezies und der kritische Kommentar zu Fettleibigkeit und Diätwahn ist auch nicht zu übersehen. Ein runder Start in die vierte Staffel ‒ und der kurze Auftritt von Rose Tyler gibt gleich Rätsel auf.


2. The Fires of Pompeii

Das Schicksal von Pompeji ist kein Geheimnis, das Ende der Geschichte somit auch nicht ‒ aber der Weg dorthin zumindest unterhaltsam. Der Alien-Spin in der Handlung ist nett, die Cameo-Auftritte künftiger Heavy-Weights ‒ Karen Gillan und Peter Capaldi ‒ sind retrospektiv betrachtet Fan-Service vom Feinsten und das Duo Donna / Doctor glänzt mit einer frischen Dynamik ‒ Mate-Modus mit der Lizenz, Klartext zu reden. Drama darf natürlich auch nicht fehlen, die große Leben-oder-Tod-Entscheidung hätte aber ein bisschen mehr moralische Zweifel und größere persönliche Auswirkungen haben können. Solide, und das ist bei Doctor Who mit einer mehr als ansehnlichen Folge gleichzusetzen.


3. Planet of the Ood

Die Rückkehr der Ood, die bislang nur eine Nebenrolle im Zweiteiler „The Impossible Planet“ / „The Satan Pit“ spielen durften, beschäftigt sich endlich mit der Frage, die damals offen blieb: Was hat es mit ihrer unterwürfigen Natur auf sich? Daraus entwickelt sich eine ansehnliche Geschichte, die heikle Themen wie Sklaverei, Ausbeutung und Kolonialismus streift, ohne in moralische Belehrungen zu kippen. Der Unterhaltung tun diese schwierigen Themen keinen Abbruch, womit neben Action und Spaß auch eine wertvolle Message bleibt. Nicht nur vom Namen her ein naher Verwandter von „Planet of the Apes“ und in dieser Tradition auch eine gute Folge, wenn auch kein Staffel-Highlight.


4. The Sontaran Stratagem / 5. The Poison Sky

Erdinvasionen gehören nicht unbedingt zu meinen Lieblingsabenteuern des Doctors und jene der Sontaran ist zudem recht innovationsarm: Das Motiv hatten wir schon so ähnlich in „Partners in Crime“ zu Beginn der Staffel und den „young genius gone wrong“-Ansatz mit Adam Mitchell in Series 1. Was den Zweiteiler allerdings am Leben hält, sie die Interaktionen: Das Trio Doctor, Donna und Martha harmoniert gut, die Abneigung des Doctors gegenüber UNIT ist ein guter Running Gag und der erste größere Einsatz von Donnas Familie stärkt ihren Status als glaubwürdigste und bodenständigste Begleiterin bislang ‒ speziell Großvater Wilf ist ein Hit. Weitere Pluspunkte sind die doch realistische Bedrohung ‒ say no to monopolism and yes to environmentalism ‒ und die irgendwie verdreht-unterhaltsame Art der Sontaran. Die Folgen sind also nicht ohne Stärken, insgesamt bleibt es aber nur bei einem „befriedigend“.


6. The Doctor's Daughter

Die Familie des Doctors ist ein großes Geheimnis, um das es in „The Doctor's Daughter“ aber leider nicht wirklich geht. Die Tochter aus dem Titel wird nämlich aus einer Probe binnen Augenblicke erschaffen, entwickelt aber über die Dauer der Folge ein glaubwürdiges familiäres Verhältnis zum Doctor und entlockt ihm über Umwege doch ein paar Sätze zu seiner Vergangenheit. Da das Thema Krieg auch eine zentrale Rolle spielt, wird das Selbstverständnis des Doctors durch die schlauen Parallelen zu Tochter Jenny hinterfragt. Allgemein ist die Kriegsthematik gut aufgearbeitet ‒ as usual with a twist ‒ und Traditionalismus eher kritisch betrachtet: Willkommener Tiefgang hinter einem an und für sich recht schlichten Plot, bei dem die Balance perfekt passt ‒ Donna, Jenny, Martha und der Doctor glänzen zu gleichen Teilen.

7. The Unicorn and the Wasp

Wie einst mit Charles Dickens, ist nun auch mit Agatha Christie als Star-Gast eine charmante Folge entstanden, die das Werk der Autorin einwandfrei in das Doctor Who-Universum übersetzt. Es gibt somit einen Mordfall, zahlreiche Verdächtige, noch mehr Lügen und eine wendungsreiche Auflösung ‒ und vielleicht keinen Poirot und keine Miss Marple, aber dafür ein Trio, Doctor, Donna & Christie, in Topform, bei dem auch der Schmäh ausgezeichnet läuft. Ein guter Christie-Krimi ‒ mit Alien-Wespen. Als Bonus für Star-Hunter ist Felicity Jones in einer Nebenrolle zu bewundern.


8. Silence in the Library / 9. Forest of the Dead*

Drei Geschichten ‒ eine pro Staffel ‒ hatte Steven Moffat abgeliefert und dabei drei Staffel-Highlights produziert. Kein Wunder also, aber umso beachtlicher, dass auch sein Beitrag zu Series 4 wieder ein Homerun ist. Ein Bücherei-Planet ohne BesucherInnen und eine unbekannte Bedrohung liefern zwar schon eine gute Basis, aber der Zweiteiler bietet so viel mehr: Das Mysterium um die „saved“ (Wortspiel funktioniert nicht auf Deutsch) Personen ist ein interessanter Kommentar zum digitalen Bewusstsein ‒ vielleicht bald nur Science ohne Fiction. Das Mädchen als Ghost in the Shell in einer falschen Welt bringt zusammen mit Donnas Tour de Force die potenziellen Gefahren einer gut gemeinten Idee emotional zur Geltung, während der Doctor im dramatischen Überlebenskampf verstrickt das Nachsehen hat, denn River Song ist ihm in ihrer mysteriösen Beziehung in falscher Reihenfolge stets einen Schritt voraus. Auf die weiteren Begegnungen kann man sich schon freuen, den das erste ‒ oder doch letzte ‒ Aufeinandertreffen ist herrlich. Mehr Informationen wären Spoiler. Ich wiederhole mich zwar bei Moffat-Folgen, aber gut: Doctor Who at its best!


10. Midnight*

Der Doctor bringt die Essenz der Geschichte gleich zu Beginn auf den Punkt: „Taking a big space truck with a bunch of strangers across a diamond planet called Midnight. What could possibly go wrong?“. Natürlich kann und wird eine ganze Menge schiefgehen, denn eine mysteriöse Entität beginnt, die Passagiere zu kopieren, was aber nur der Anfang ist. Der Monster-Plot ist an sich bereits Horror vom Feinsten ‒ vor allem, weil der Doctor bezwungen und das Mysterium nie gelöst wird. Das Highlight ist aber das Kammerspiel mit einem Hauch von „12 angry men“, das sich im Shuttle abspielt. Während im Normalfall der Doctor die Führung übernimmt und die betroffenen Personen folgen, wird hier aus Panik schnell eine waschechte Meuterei, die die schlechtesten Züge der Menschheit zum Vorschein bringt ‒ mal eine andere und pessimistischere, aber wohl auch realistischere Darstellung von Gruppendynamik im Angesicht des Todes.


11. Turn Left

Ein Klassiker des Sci-Fi-Genres sind Geschichten  aus Alternativwelten und in der Doctor-lite Folge von Series 4 geht es in Donna's World. Kern der Geschichte ist der Gedanke, dass auch kleinste Entscheidungen gravierende Folgen auf das eigene Leben und das Anderer haben können ‒ ein interessantes Konzept, mit dem man auch das Kopfkino im persönlichen Leben anregen kann. Hier sorgt aber eine Entscheidung dafür, dass Donna nie den Doctor trifft. Das "what if"-Szenario ist zwar spannend und das Erleben vergangener Abenteuer mit düsterem Ausgang unterhaltsam, aber nicht das Highlight. Das ist quasi auf der Mikroebene zu finden: Donnas herzzerreißende und dramatische Suche nach ihrer Rolle im Leben in einer Welt, die von Katastrophe zu Katastrophe wandert und das Schlimmste der Gesellschaft offenbart ‒ der gelungene Kommentar zur Migrations- und Abschottungspolitik ist dabei heute aktueller als vor zehn Jahren. Catherine Tate macht mit ihrer gebrochenen Darbietung, die dennoch einen Funken Hoffnung ausstrahlt, die Folge zu einem wahren Highlight. Dazu gibt es das Comeback von Rose Tyler, die das Staffelfinale einläutet.


12. The Stolen Earth / 13. Journey's End*

Das Staffelfinale ist in Sachen Unterhaltung, Dynamik, Energie, Spaß sowie Drama eine Bombe und fühlt sich an wie ein Klassentreffen, zu dem alle eingeladen sind ‒ alle Companions plus Cast aus „Torchwood“ und „The Sarah Jane Adventures“ ‒ und das zu einer wilden Party ausartet. Das bedeutet nicht, dass Friede, Freude und Eierkuchen dominieren: Davros ist ein starker Widersacher, der im Doctor glaubwürdig Selbstzweifel erweckt, und mit Donna verabschiedet sich die bodenständigste und von mir bevorzugte Tennant-Begleiterin auf tragischste Art und Weise. Dennoch wird eine endende Ära zelebriert, was herrlich durch den Bildschirm überschwappt. Ein Wermutstropfen ist lediglich Rose, dessen Rückkehr unter viele etwas untergeht ‒ kein Wunder, wenn Captain Jack alle überstrahlt ‒ und die einen zumindest diskussionswürdigen Abschluss bekommt. Trotz allem Unterhaltung pur ‒ auch wenn am Ende ob Donnas Abgang eine gewisse Leere bleibt.



The Next Doctor

David Tennants Abschiedstour bestehend aus vier Geschichten beginnt eher holprig mit einer Episode, die leider nur durch zwei Aspekte zumindest als solide bezeichnet werden kann: Der Doctor wirkt ob des Treffens mit seinem vermeintlichen Nachfolger herrlich enthusiastisch und die wahre Geschichte hinter dem nächsten Doctor ‒ überzeugend und selbstverliebt gespielt von David Morrisey ‒ ist berührend tragisch, auch wenn recht schnell durchschaubar. Der Rest ist Doctor Who auf Autopilot mit einer Vergangenheitsgeschichte ohne Highlights, einer austauschbaren Cybermen-Bedrohung sowie einem viel zu übertriebenen Showdown.


Planet of the Dead

Das Oster-Special ist eine echte Unterhaltungsgranate und vergeht trotz der einstündigen Laufzeit und einer eher minimalistischen Story wie im Flug ‒ manchmal reicht eben ein gestrandeter Bus auf einem Wüstenplanet, wenn der Rest passt. Und wie der passt: David Tennant ist in Topform und zeigt mit seiner Energie und seinem Witz, wieso er ein so beliebter Doctor ist. An seiner Seite überzeugt auch Michelle Ryan als verbrecherische Begleiterin, die zwar ein wenig zu offensichtlich "edgy" ist, aber ausgezeichnet mit Tennant harmoniert. Allgemein lebt die Folge von den Figuren ‒ von den Bus-Insassen, die eine Community bilden, der man die Daumen drückt, bis hin zum schusseligen UNIT-Wissenschaftler ‒ sowie dem rasanten Drehbuch. Vielleicht fehlt etwas Substanz, aber ein Spaß ist die Folge ohne Frage. Zusatzinformation: Doctor Who ist mit dieser Folge im HD-Zeitalter angekommen, Star Hunter freuen sich über Daniel Kaluuya und das Ende des zehnten Doctors wird eingeläutet („he will knock four times“).


The Waters of Mars

Es gibt Ereignisse, die auch ein Time Lord nicht beeinflussen darf, da sie fixe Punkte im Zeit- und Raumkontinuum sind und Änderungen katastrophale Konsequenzen hätten. Das weiß auch der Doctor, der sich aber ohne moralischem Kompass ‒ in der Regel seine Companions ‒ mit einer solchen Situation konfrontiert sieht und sich zum Herrscher der Zeit erklärt, der alles verändern kann, bis ihn ein selbstloser Akt wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Von diesem Ausreizen seiner Grenzen lebt die Folge und aufgrund vergangener Momente der Schwäche des Doctors und des subtilen Aufbaus seiner inneren Zerrissenheit in dieser Folge bleibt die Darstellung glaubwürdig. Dass zudem der aussichtslose Überlebenskampf auf dem Mars spannend, die Charaktere greifbar und die Bedrohung mysteriös sind, schadet natürlich auch nicht. Ein Low-Point für den Doctor, ein Highlight für Fans, die eine verborgene Seite kennenlernen.


The End of Time (Part I & II)

Während „The Stolen Earth“ / „Journey's End“ die energische Feier der Russell T. Davies-Ära war, ist „The End of Time“ der bittere Schwanengesang des zehnten Doctors ‒ dementsprechend hat die Doppelfolge auch eher in ihren ruhigen Momenten seine Stärken: Bei den Gesprächen des Doctors mit Wilf über Donna und das Leben, beim wiederholten Versuch, den Master zur Vernunft zu bringen, und in allen Momenten, in denen der Doctor einfach nicht loslassen kann. Zusätzlich gibt es neue Details zum Last Great Time War, der Doctor wird an seine moralischen Grenzen gebracht, der Plot ist intelligent konstruiert und der Master gewinnt an Tiefe, während Timothy Dalton herrlich den skrupellosen Anführer der überraschenden Bedrohung durch die Time Lords mimen darf. Die Regeneration ist ganz anders als jene des neunten Doctors, der seinen Frieden gefunden hatte und bereit war, weiterzuziehen. Hier spürt man hingegen förmlich, dass der Doctor sowie wohl auch das scheidende Team vor und hinter der Kamera noch viel Potenzial sah und mit Wehmut den Schritt ins Unbekannte wagt. Ein guter und vor allem emotionaler Abschied.


Ein Abschied am Höhepunkt gönnt man dem Team hinter den ersten vier Staffeln von „Doctor Who“ von ganzem Herzen, auch wenn der emotionale Abgang des zehnten Doctors schmerzt (siehe auch das Video dazu). Zudem ist die Nachfolge mit Steven Moffat, der bislang vier Folgen geschrieben und damit vier Highlights geschaffen hat, mehr als vielversprechend geregelt worden.

 

Eine Ära geht zu Ende und ein neuer Beginn steht an ‒ so ist es eben bei sehr lange ausgestrahlten Serien und das ist auch gut so. Zum Abschied hat die Russell T. Davies-Ära noch einmal gezeigt, wofür sie stand und David Tennant als erinnerungswürdigen Doctor gefestigt. Zusammen mit Series 1 das Highlight dieser Phase aus der Geschichte von „Doctor Who“.

*ich benutze Doctor, weil sich die deutsche Variante des Doktors in diesem Kontext falsch anfühlt.


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