Doctor Who: Series 3


„On the Path to Greatness“

Ohne Altlasten startet es sich einfacher neu, und so ist die britische Sci-Fi-Kultserie „Doctor Who“ in der dritten Staffel endgültig in der Ära des zehnten Doctors angekommen.

 

  • David Tennant ist als der Doctor etabliert und hat der Rolle nach leichten Anlaufschwierigkeiten in seiner ersten Staffel endgültig seinen Stempel aufgedrückt.
  • Rose Tyler macht Platz für Martha Jones ‒ der Abschied bringt Potenzial zur Charakterentwicklung des Doctors, der Neueintritt wiederum frische Impulse.
  • Da die Spin-offs „Torchwood“ und „The Sarah Jane Adventures“ endgültig gestartet wurden, liegt der Fokus in Staffel drei wieder ganz beim Doctor.

Die Tage der Selbstfindung liegen somit hinter dem Doctor und die frischen Impulse tun dem Erfolgsrezept der Serie ‒ Science Fiction für Jung und Alt mit Herz, Action, Humor und Tiefgang in einem ausgewogenen Verhältnis ‒ sehr gut. Beweis genug ist bereits das mehr als gelungene Weihnachtsspecial „The Runaway Bride“, das den Weg für die neun folgenden Abenteuer ebnet.

 

Somit bietet Series 3 insgesamt zehn Geschichten, die stets zumindest zu unterhalten und vor allem zum Ende der Staffel auch gerne zu begeistern wissen. Wie üblich folgen ein paar Eindrücke mit leichten Spoilern ‒ ein Sternchen (*) markiert wie üblich meine persönlichen Top 3-Folgen.


The Runaway Bride

Während das erste Christmas Special eher durchwachsen war, ist „The Runaway Bride“ wahrlich Doctor Who in Perfektion: Die Chemie zwischen David Tennant und Chaterine Tate als eine ganz andere Art von Begleiterin ist sofort da und der Fall entfaltet sich mir viel Humor. Das menschliche Drama um den Verrat an Donna sowie um den Verarbeitungsprozess nach dem Abschied von Rose bilden jedoch das Fundament einer alles in allem einfach guten Folge mit Herz ‒ lediglich die Empress of the Racnoss hätte etwas bedrohlicher sein können. Spannend waren zudem der Rückfall des Doctors in Handlungsmuster seiner neunten Inkarnation ‒ Stichwort Skrupellosigkeit ‒ sowie die Erforschung der Companion-Rolle.


1. Smith and Jones

Die erste Folge mit neuem Companion borgt sich gekonnt Struktur und einige Elemente aus der Einführungsepisode „Rose“ aus und schafft es auch, die Erfolgsformel genau zu treffen: Trotz nettem Fall ‒ vor allem die Judoon als Weltraumpolizei sind erwähnenswert ‒ steht die Einführung der smarten Martha Jones inklusive Clique im Mittelpunkt und die Chemie zwischen Tennant und Freema Agyeman stimmt sofort. Nur die romantischen Vibes gleich zum Start hätten nicht sein müssen. Zudem wirkt der Doktor etwas zu versessen auf Martha als Companion so kurz nach Rose und der eigentliche Bösewicht ist kaum der Rede wert ‒ dennoch ein guter Start in Round 3.


2. The Shakespeare Code

Eine dieser Folgen, die auf dem Papier gut klingen und  überzeugende Einzelteile zu bieten haben, aber in der Gesamtbetrachtung wenig bis kaum in Erinnerung bleiben: Shakespeare ist ein unterhaltsamer Zeitgenosse, das Trio harmoniert gut, die Einbettung von Love's Labour's Won ‒ ein vermeintlich verlorenes Shakespeare-Stück ‒ ist gekonnt gelöst und der Plot zwischen Hexen, Magie, Aliens und der Macht der Wörter recht raffiniert erdacht. Sieht man sich aber die Folge an, plätschert diese vor sich hin, während der Humor nur wenige Highlights setzt und das gute Setup zu keinem besonders guten Payoff führt. Etwas verschwendetes Potenzial, aber ein netter Twist zur Hexen-Mythologie sowie zumindest großteils unterhaltsam ‒ mit zahlreichen Popkultur-Referenzen.


3. Gridlock

Die wiederholte Rückkehr nach New Earth und der Abschluss der Face of Boe-Trilogie ‒ „The End of the World“, „New Earth“ und „Gridlock“ ‒ ist ein wahrer Geheimtipp mit einem starken Mystery-Fall, gekonnt platzierter Gesellschaftskritik und viel Herz. Die Highlights: Die Beschäftigung des Doctors mit Gallifrey ‒ herzzerreißend gespielt von Tennant ‒ und mit der Bürde, der Letzte seiner Art zu sein. Zudem nimmt die Beziehung zwischen Doctor und Companion endlich fahrt auf, da Martha den Status quo perfekt auf den Punkt („sometimes I think he likes me, but sometimes I just think he needs someone with him“), bevor sich der Doctor öffnet ‒ das Rose-Trauma ist aber glücklicherweise noch keinesfalls überwunden.


4. Daleks in Manhattan / 5. Evolution of the Daleks

Durch die Häufigkeit, in der sich die Daleks blicken lassen, müssen stets neue Ideen her, um sie interessant zu halten. Bislang klappt das und dieser Fall ist keine Ausnahme: Zwar ist die Verschmelzung von Dalek und Mensch nicht neu („Dalek“ aus Series 1), aber die Umsetzung ist ausgewogen ‒ gute und schlechte Aspekte von dem, was „humanity“ ausmacht, werden angeschnitten ‒ und die Zersplitterung des Kults von Skaro nicht uninteressant. Die kurze Dalek-Doctor-Kooperation belegt zudem, dass auch tiefste Wunden des Doctors heilen können. Das New York der Post-Weltwirtschaftskrise ist ein unverbrauchtes Setting mit einem Hauch US-Pathos sowie etwas Kapitalismus-Kritik und ein gewisses Frankenstein-Flair macht sich ebenso breit. Nur die Sideplot-Romanze war schon mal besser. Alles in allem ein solides Abenteuer mit den Daleks, aber sie doch rasant an Schrecken ‒ am besten auf Eis legen und mit einem Knall zurückkehren lassen. Als Extra für Star-Hunter gibt es noch Andrew Garfield in einer größeren Nebenrolle.

6. The Lazarus Experiment

Typische „Monster of the Week“-Folge mit recht viel Action, Explosionen und einem Doctor am Weglaufen ohne Ende. Unterhaltsam sind vor allem Marthas Familie und ihre Gespräche mit dem Doctor, während der Versuch, den Bösewicht mit Substanz zu versorgen, nett gemeint, aber durchschnittlich umgesetzt ist. Was bleibt, ist ein starker Monolog von Tennant über ewige Jugend bzw. ewiges Leben ‒ „you get tired of watching everything turn to dust“ ‒ und die Tatsache, dass der über die gesamte Staffel im Hintergrund aktive, aber mysteriöse Mr. Saxon langsam die Initiative ergreift.


7. 42

Besuche auf Raumstationen gehen für den Doctor selten reibungslos über die Bühne. In 42 geraten sie aber in eine fast schon zu vertraute Situation: Ein unbekanntes Wesen übernimmt ein Crew-Mitglied und macht in bester Alien-Manier „one by one“ kurzen Prozess mit den Passagieren, während eine noch größere Katastrophe droht ‒ in diesem Fall der Absturz in eine Sonne. Im Prinzip ist 42 eine rasante Folge, das Setting stimmungsvoll und die Bedrohung allgegenwärtig. Zudem sorgt der 24-like Verlauf in (fast) Echtzeit für das gewisse Etwas ‒ echt verblüffend, was das Einblenden einer Uhr für die Spannung machen kann. Martha hat zudem gute Momente ‒ humorvoll beim „Pub-Quiz“, dramatisch am Rande des Todes und heroisch, als der Doctor zu scheitern droht. ABER: Die Folge erinnert zu sehr an „The Impossible Planet“ und „The Satan Pit“ aus Series 2 ‒ und zieht gegen dieses Doppel deutlich den Kürzeren. Nichtsdestotrotz eine unterhaltsame Folge.


8. Human Nature /

9. The Family of Blood*

So kennt man den Doctor wahrlich nicht: Ahnungslos ob seiner Abenteuer als Time Lord und verliebt als (menschlicher) Professor im Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Liebesgeschichte ist echt zuckersüß und David Tennant enorm wandlungsfähig: Sein John Smith ist in allen Belangen ‒ Gestik, Mimik und Sprache ‒ anders als der Doctor, aber nicht minder sympathisch. Umso tragischer ‒ und herzzerreißend verzweifelt gespielt von Tennant ‒ ist sein Ende: John Smith opfert alles, um wieder der Doctor zu werden, der den Tag retten kann. Dieser zeigt sich im Anschluss überraschend skrupellos bei der Bestrafung seiner eher wenig erwähnenswerten Feinde und bekommt die Konsequenzen seines Handelns knallhart zu spüren. Verpackt ist die bittersüße Geschichte in typischer Doctor Who-Manier samt kleinerer Auseinandersetzung mit Themen wie Krieg und Rassismus, aber in Erinnerung bleibt das kurze Leben, Lieben und Sterben des John Smith.


10. Blink*

Das im ersten Anlauf erfolgreiche „Doctor-lite“-Experiment ‒ „Love & Monsters“ ‒ geht in die zweite Runde und ist nach einer Story von Hitgarant Steven Moffat wenig überraschend ein wahres Highlight. Nicht nur werden mit den Weeping Angels die wohl ikonischsten Neu-Widersacher des Doctors eingeführt, sondern auch in einer smarten Zeitreisegeschichte mit subtilem Horror und viel Herz verpackt, die einfach keine Wünsche offen lässt. Getragen wird die Episode von der heute Hollywood-erfahrenen und Oscar-nominierten Carey Mulligan, die das Publikum auf diese spannende Mystery-Tour mitnimmt.


11. Utopia / 12. The Sound of Drums / 13. Last of the Time Lords*

Schlicht der Stoff, aus dem große Staffelfinale gemacht sind. Utopia ist als Prolog eigentlich das Highlight inklusive der grandiosen sowie teils emotionalen Rückkehr von Captain Jack Harkness, birgt aber ein großes Geheimnis, das dank Hinweise in vergangenen Folgen ‒ Face of Boe & Chameleon Arch ‒ mitgelöst werden kann und in einem starken Cliffhanger mündet. Im zweiten und dritten Teil steht alles im Zeichen der Rückkehr des Masters. Die besten Momente sind seine Interaktionen mit dem Doctor, der trotz des Wahnsinns ‒ „over-the-top“ by John Simm ‒ noch versucht, seinen Rivalen zu retten. Das alles auf ein emotionales Finale hinausläuft, dass nicht nur die offene Frage aus Utopia beantwortet, sondern den zehnten Doctor wieder zum Status quo zurückbringt, ist wenig überraschend, aber gut umgesetzt. Alles in allem so ziemlich „Doctor Who at its best“. Nur Martha und Familie konnten nicht ganz so punkten, wie die Tylers plus Mickey in der Vergangenheit und Jack ist zum zweiten Mal bei einem Finale ein absoluter Kracher, der aber wieder nur die zweite Geige spielen darf ‒ die Rolle von Martha hätte man hier gut und gern teilen können. Bis auf Kleinigkeiten und Geschmackssachen aber ein Highlight zum Abschluss.



Die David Tennant-Ära hat spätestens mit Series 3 zu sich gefunden und bietet genau das, wofür die Marke „Doctor Who“ steht: Sci-Fi-Unterhaltung mit Substanz und Humor für alle Altersklassen.

 

Ein kleiner Wermutstropfen ist die äußerst sympathische Martha Jones, der aufgrund einiger Entscheidungen ‒ die romantischen Töne wirken uninspiriert und vereinzelt tappt sie in die Mary Sue-Falle ‒ der Sprung in die Companion-Elite verwehrt bleibt. Dafür läuft zumindest der Abschied ausnahmsweise mal ohne Tränen ab (siehe auch das Video links) und sie bleibt ein gern gesehener Gast.

 

Die Nachfolgerin durfte sich bereits in „The Runaway Bride“ eindrucksvoll vorstellen und nach diesem Erfolgslauf zum Ende der Staffel sind sowohl die Erwartungen als auch die Vorfreude auf Series 4 astronomisch hoch.

*ich benutze Doctor, weil sich die deutsche Variante des Doktors in diesem Kontext falsch anfühlt.


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