Doctor Who: Series 1


„The Fantastic Return“

Doctor Who kann heute getrost als ein kulturelles Phänomen bezeichnet werden - und für eine sehr treue Fanbase war die charmante Sci-Fi-Serie aus Großbritannien bereits mit der Ausstrahlung der allerersten Folge im Jahr 1963 ein solches. Die bald 55-jährige Serie kann zwar zweifelsfrei als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden, ein halbes Jahrhundert mit dem unsterblichen Time Lord, seiner Zeitreisemaschine Tardis und den zahlreichen Begleiterinnen und Begleitern bleibt aber auch nicht ohne Rückschläge: Ende der 1980er hatte die Serie ihren Zenit erreicht - für mache bereits überschritten - und ging in Pension. Ein erster Revival-Versuch mittels Fernsehfilm schaffte nicht, was schlussendlich noch bis 2005 dauerten sollte: Doctor Who war zurück und gekommen, um zu bleiben.

 

Das Erfolgsrezept?

 

  • Showrunner und Doctor Who-Fan Russell T. Davies, der zusammen mit seinem Team lange für eine Rückkehr der Serie gekämpft hat und mit dem Erfolg nebenbei BBC Wales zu einer Renaissance verhalf.
  • Drehbücher mit Herz, Hirn und Tiefgang, die zwar nie die eigentlich junge Zielgruppe der Serie aus den Augen lassen, aber einfach versuchen, gute Geschichten für alle Altersklassen zu erzählen.
  • Ein Casting-Jackpot: Vom neunten Doctor Christopher Eccleston über Billie Piper als vielleicht beste Begleiterin aller Zeiten bis hin zu den kleinsten Nebenrollen ist das Bild stimmig und die Performances - oftmals überraschend vielschichtig - sind eine wahre Freude.

Das Vermächtnis der Revival-Staffel sind zehn wunderbare Geschichten mit vielen Highs und absolut keinen Lows. Ein paar Eindrücke mit leichten Spoilern - ein Sternchen (*) markiert meine Top 3-Folgen.


1. Rose

Energiegeladener Start in das Doctor Who-Revival. Der Hauptfall ist fast unspektakulär, die Einführung der Charaktere dafür aber umso grandioser. Billie Piper als Rose Tyler ist die perfekte Begleiterin und Verbindung in die Welt von Doctor Who: ansteckend fasziniert, aber auch bereit, Eigeninitiative zu ergreifen. Christopher Eccleston deutet bereits die Zwiespältigkeit sowie Nuancen an, die den neunten Doctor prägen sollten, und auch die restlichen Darsteller - das Umfeld von Rose - passen einfach. Im Kern etwas reduzierte Sci-Fi-Kost zugunsten einer Kennenlern-Runde und Richtungsbestimmung zwischen Sci-Fi mit Herz, „cheesy humour“ und charakterlicher Tiefe.


3. The Unquiet Dead

Charmante Geistergeschichte mit der ersten Reise in die Vergangenheit und einem herrlich skeptischen Charles Dickens („A Christmas Carol“) als Stargast. Die Rollen im Team sind eingespielt - Rose als moralischer Kompass sowie der Doctor als Problemlöser ohne Rücksicht auf Verluste - und sorgen aufgrund wiederholter Uneinigkeit für spannende Konflikte. Der Doctor zeigt zudem eine neue Facette: Schuldgefühle, die seine Entscheidungen beeinflussen und nicht ohne Konsequenzen bleiben. Als Bonus gibt es noch einen starken Auftritt von Eve Myles (bekannt aus dem Spin-Off „Torchwood“), die Rose zeigt, dass es mit der moralischen Hoheit doch nicht so einfach ist, sowie die erste Bad Wolf-Anspielung - quasi der wiederkehrende rote Faden der gesamten Staffel.


6. Dalek*

Die perfekte Rückkehr der legendären Gegenspieler des Doctors und gleich einer ihrer besten Auftritte überhaupt. Im Kern, trotz netter Action-Einlagen und einem soliden Subplot um einen Sammler ohne Skrupel, eine grandiose Charakterstudie mit umgedrehten Vorzeichen: Der Doctor zwischen Angst und Hass am moralischen Abgrund („You would make a good Dalek“) und der letzte Dalek aufgrund menschlicher DNA auf Entdeckungstrip durch neue Emotionen.


8. Father's Day*

Nach „Dalek“ das zweite absolute Staffelhighlight und die klassischste aller bekannten Zeitreisegeschichten - der Versuch, eine geliebte Person zu retten, und die Folgen eines Zeitparadoxon. Das Ergebnis ist emotionaler und mitreißender, als man es einer solchen familiengerechten Serie zutrauen könnte - von Doctor Who sollte man aber stets die eine oder andere Überraschung erwarten. Neben Tränen - dank des starken Ensembles unausweichlich - gibt es noch einen spannenden Konflikt zwischen dem Doctor und Rose („I picked another stupid ape“), einen harten Nostalgie-Realität-Check für Rose sowie einen unterlegenen Doctor - immer wieder ein Highlight, andere Figuren glänzen zu sehen.


11. Boom Town

Als ein Filler aufgrund kurzfristiger Änderungen entstanden, trumpft „Boom Town“ als recht bodenständige Studie über die Konsequenzen des „do-and-run“-Lebensstils des Doctors auf. Im Mittelpunkt stehen Rose, die durch Mickey ihr verlorenes „normales“ Leben sieht, und die letzte Slitheen, die spannende Psycho-Spielchen mit dem Doctor über seine Rolle als Richter und gar Henker ohne Verantwortung treibt. Zusätzlich gilt es, das hochunterhaltsame Zusammenspiel des Doctors mit Rose und Jack zu genießen, das in dieser Konstellation leider nur noch im Staffelfinale zu bewundern ist.

2. The End of the World

Schwungvoll geht es auch in die zweite Folge und Rose projiziert die Wunder der Begegnung mit Aliens mit realistischer Angst und Überforderung - noch dazu als Zeugin irdischer und menschlicher Vergänglichkeit. Zudem zeigt die Folge zwischen kindlicher Action (vor Sonnenstrahlen ducken, Turbinenblättern ausweichen) und „cheesy humour“ (zum Weltuntergang gibt es die vermeintlich klassische Ballade „Toxic“ von Britney Spears), dass die Abenteuer schnell gravierende Konsequenzen haben können und der Doctor in seiner persönlichen Nachkriegszeit trotz überdrehter Fassade leidet sowie zu kaltblütigen Taten - sogar Mord - im Stande ist.


4. Aliens of London / 5. World War Three

Der erste Zweiteiler beginnt stark mit einem kleinen Missgeschick und großen Folgen: Statt zwölf Stunden war Rose zwölf Monate unangekündigt weg - die Abenteuer bleiben somit nicht ohne Schattenseiten und Konsequenzen im „normalen“ Leben. Der Hauptfall um einen aberwitzigen Plan der Slitheen zur Rohstoffbeschaffung - gewollte Gesellschaftskritik in Richtung Ausbeutung und Rücksichtslosigkeit möglich - wird zwar durchaus spannend über die Medien ausgerollt, verliert sich aber etwas. Das Finale kann dann getrost als „cartoon-ish“ bezeichnet werden: Verfolgungsjagden à la „Scooby-Doo“, eine Auflösung Marke Deus Ex Machina und Furzwitze ohne Ende. Kein persönlicher Favorit, aber temporeich, unterhaltsam und vor allem in den Nebenschauplätzen interessant. Und wieder gibt es einen Bonus: Bereits das zweite Mitglied aus dem späteren Spin-Off „Torchwood“ lässt sich blicken.


7. The Long Game

Gute Folge mit Star-Power in Form von Simon Pegg, die einem gesellschaftskritischen Rundumschlag gleicht - die Macht der Medien, gesellschaftliche Einfältigkeit, der Überwachungsstaat, die Mehrklassengesellschaft und das „Humans as Resources“-Konzept bekommen unter anderem ihr Fett weg. Dazu sorgt das Scheitern eines Begleiters, nicht ohne die Mitschuld des Doctors, für das gewisse Etwas. Alles in allem sehenswert, aber ohne große Highlights.


9. The Empty Child / 10. The Doctor Dances*

Erinnerungswürdiger Zweiteiler - „are you my mummy?“ wird man garantiert nie wieder los - mit einem spannenden Mystery-Fall („physical injuries as plague“), Horror zwischen „The Exorcist“ und „Night of the Living Dead“, Drama im respektvoll behandelten Weltkriegsszenario und einem grandiosen Neuzugang mit Captan Jack Harkness, der perfekt mit dem Doctor und Rose harmoniert - und später Hauptdarsteller des Spin-Offs „Torchwood“ werden sollte. Kleiner Spoiler: Nach kleineren und größeren Verlusten seit Beginn der Staffel ist die Freude des Doctors förmlich ansteckend („everybody lives ... just this once“) - trotz Vorliebe fürs Düstere gönnt man dem Trio auch mal ein bedingungsloses Happy End.


12. Bad Wolf / 13. The Parting of the Ways

Das Staffelfinale und der Abschied vom neunten Doctor beginnt rasant mit viel Abenteuer, einer Portion Mediensatire - dieses Mal erwischt es die Unterhaltungsbranche - sowie einem Trio in Bestform. Sobald der Einsatz allerdings steigt, wird das Geschehen deutlich ernster, obgleich nicht  weniger unterhaltsam. Die Drehbuchautoren werfen alle Bausteine, die sorgfältig im Laufe der Serie eingestreut wurden, in die Waagschale, um den übergreifenden Handlungsstrang zu einem würdigen Abschluss zu bringen. Jedes Abenteuer spielte eine Rolle und keine Folge wirkte bedeutungslos auf dem Weg zum Finale. Geschickt gelöst ist, wie sich der Kreis schließt und der Doctor am Ende wieder vor der Entscheidung steht, die ihn zu Beginn des Revivals traumatisiert und geprägt hat - mit neuem Ausgang dank seiner Erfahrungen mit Rose, die dabei ebenso auf dieser Reise gereift ist. In der Bad Wolf-Auflösung darf sie sogar die Hauptrolle spielen und beweisen, dass sie stets ebenbürtig und mehr als eine einfache Begleiterin war.



Am Ende bringt der Doctor höchstpersönlich mit seinen letzten Worten auf den Punkt, was ich von den Abenteuern seiner neunten Inkarnation halte: Rose, you were fantastic. And you know what? So was I!“ (den schönen Abschied des Doctors gibt es auch im Video links).

 

Fans gepflegter Sci-Fi-Unterhaltung sollten Doctor Who auf jeden Fall einmal im Leben eine Chance gegeben haben, und ich kann mir keine bessere Staffel dafür vorstellen, als die Revival-Staffel, die für eine ganz neue Generation das Phänomen Doctor Who erlebbar gemacht hat.

*ich benutze Doctor, weil sich die deutsche Variante des Doktors in diesem Kontext falsch anfühlt.


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