Nerve


„Enjoy the Social Media Dareride"

Soziale Netzwerke sind eine wunderbare Erfindung, aber auch dafür bekannt, enormes Eskalationspotenzial zu bergen. Ein Blick rüber zu YouTube wiederum zeigt: Blödeleien sowie Gefahr sind gerngesehen Gäste und mögliche Sprungbretter auf der Jagd nach Ruhm. Wirft man nun Mutproben in die heile Social Media-Welt, braucht es keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu erahnen, dass sehr schnell sehr viel schiefgehen kann. „Nerve“ macht sich dazu Gedanken ‒ mit Tempo, Nervenkitzel und ein wenig Teenie-Drama.


Mit ein wenig Teenie-Drama legen die Regisseure Henry Joost und Ariel Schulman, verantwortlich für zwei „Paranormal Activity“-Filme, den Grundstein, um das Mauerblümchen Emma Roberts in einen immer riskanteren Teufelskreis aus Mutproben zu schicken. Als Motivation mag eine Trotzreaktion zwar schwach klingen, das Nerve-Prinzip greift aber und bringt auch das Publikum ins Grübeln ‒ die einfachen Einstiegsaufgaben, das Adrenalin, die 15 Minuten Ruhm und der finanzielle Bonus sind in der Tat sehr verlockend. In diesem Fall ist mit Dave Franco noch ein Love Interest mit von der Partie. Bei so vielen Anreizen ist die Motivation also gegeben und nachvollziehbar ‒ das schnelle Sucht- und Gefahrenpotenzial ist dabei ein guter Wink an tatsächliche Gefahren des Internets.

 

 Well, that escalated quickly

 

Auch das Duo Roberts / Franco ‒ weder Julia noch James ‒ genießt zuerst die Joyride. Das Tempo ist hoch, die Cyber-Thriller-Inszenierung modern sowie durchaus realistisch und der Nervenkitzel stets präsent, egal ob bei einer „Küsse einen Fremden“- oder einer „Klettere auf einen Kran“-Mutprobe. Ich möchte nicht alle Herausforderungen spoilern, aber die Spannung steigert sich stetig von herzklopfend-lustig bis hin zu „holy cow!“-beängstigend ‒ eine Vorliebe für das Spiel mit der Höhenangst ist offensichtlich. Wir fiebern also mit dem sympathischen Ensemble mit, haben unseren Spaß und dann...

 

Die Cyber-Routine

 

Die ersten zwei Drittel haben mir überraschend viel Spaß gemacht. Umso ärgerlicher ist also, dass die Cyber-Routine ­doch das Ende von „Nerve“ verhaut. Was ich darunter verstehe? Unrealistisches „Hacken“ rettet den Tag und die davor bedrohlich omnipräsente „Organisation“ hinter den Kulissen ist auf einmal nicht nur inkompetent, sondern auch mit einem Fingerschnipsen ausgelöscht. Dass sich einige Figuren dabei moralisch um 180 Grad drehen, ist leider auch nicht förderlich. Die Kernbotschaft, dass MitläuferInnen und ZuseherInnen nicht automatisch von jeder Schuld freizusprechen sind, ist aber aller Ehren wert.

 

Social Media-Thriller at its best!

 

Trotz vermeintlich unbekannter Regisseure, Stars aus der zweiten Reihe oder dem TV-Bereich ‒ da ist wohl jemand „Orange is the New Black“-Fan ‒ und einem etwas verhauten letzten Akt, ist „Nerve“ ein kleiner Überraschungshit geworden. Die Welt und die Figuren sind durchaus glaubwürdig, der Unterhaltungswert extrem hoch, die Message zumindest gut gemeint und der Nervenkitzel stets präsent: Ein guter Social Media-Thriller, und davon gibt es wahrlich nicht viele.

 

* Sollte sich jemand fragen, ob es so etwas wie Nerve vielleicht auch tatsächlich gibt: http://doubledogapp.com.

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